Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 5. Dezember 1943
Vaihingen, den 5.XII.43.
Liebe Eltern!
Am Donnerstag besuchte mich die Frau Studienrätin Beil. Sie brachte mir ein neues Buch mit. Ich habe mich etwa 1 ½ Stunden mit ihr unterhalten, wobei ich aber mehr eine passive Rolle spielte. Montag kommt sie wieder. Ich soll Mutter viele Grüße bestellen. – Meine rechte Wunde hat sich nun auch geschlossen. Gestern beim Verbinden wurde das Bein nicht mehr geschient, so daß ich jetzt auch aufstehen kann. Die Beinmuskeln sind rechts natürlich noch ziemlich schwach, aber das kommt schon mit der Zeit. Ich kann schon ein bischen ohne Krücken gehen. – Gestern nachmittag ging ich ins obere Stockwerk Klavier spielen. Der Stabsarzt machte dort gerade Visite,
bei uns war er schon gewesen. Als ich einige Zeit gespielt hatte, kam jemand und sagte, ich solle aufhören, der Stabsarzt hätte es gesagt. Ich ging dann wieder in meine Stube. Am Abend kam derselbe jemand durch sämtliche Zimmer, um mich zu suchen. Er sollte mich nämlich nicht wegschicken, sondern nur meinen Namen erfragen. Kurz darauf kam der Stabsarzt und sagte: „So, Kranz, Sie spielen Klavier! Was spielen Sie denn?“ Als ich geantwortet hatte, ging er wieder. Er spielt selbst gut Klavier. – Zeitungen und Illustrierte bekam ich mit Gisberts Anschrift und Vaters Zeilen vom 1. d. M., wofür ich danke.
Frohe Grüße,
Euer Karl Heinz