Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 12. Dezember 1943

Vaihingen, den 12.XII.43.

Liebe Eltern!

Euren Brief mit dem Zeitungsausschnitt, den ich anbei zur Aufbewahrung mitschicke, und dem Gebetszettel habe ich erhalten und danke vielmals dafür.

Mir geht es immer noch gut, und ich bin kreuzfidel. – Vorige Tage kamen Arbeitsmaiden eines Arbeitsdienstlagers hier in der Nähe und sangen. Sie brachten Adventskränze und verteilten sich nachher zu schüchterner oder lustiger Unterhaltung – je nach Veranlagung – auf die einzelnen Zimmer. Heute kam ein Schwarm kleiner Kinder hierher, der nur mühsam von einer braunen Schwester gebändigt wurde. Sie sangen Weihnachtslieder und führten nachher das Märchen Schneewittchen auf – einfach putzig, sage ich. Als krönenden Abschluß wurden an jeden Kranken Liebesgaben verteilt. – Heute nachmittag gab’s Kuchen. – Heute morgen forderte

mich der Stabsarzt wieder zum Klavierspielen auf. Vorige Tage hatte er mich nicht gehört. So lieh ich mir denn seine Noten und fand zu meiner Freude eine Menge mir bekannter Stücke. Als ich nun heute nachmittag schon einige Zeit vor dem Klavier saß und das Möbelstück bearbeitete, kam der Stabsarzt herauf, und ich mußte ihm einiges vorspielen. Er spielte auch. Ich habe natürlich manches zurechtgestümpert, da ich ja aus der Übung bin, aber die Genugtuung habe ich, daß ich dem Stabsarzt doch überlegen bin, was er auch anerkannte. Er hat 2 ½ Jahre Klavierunterricht gehabt, natürlich als Erwachsener und nicht, wie ich, als Junge. Er bedauerte, daß ich Weihnachten nicht hier bin, um auf der Weihnachtsfeier die Fantasie von Mozart – mein Glanzstück – spielen zu können, die ihm ausgezeichnet gefiel. Ich kann mir jederzeit seine Noten holen. – Für heute genug. Mitte nächster Woche bin ich bei Euch, Ihr Lieben. Frohe Grüße

Euer Karl Heinz