Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 15. Februar 1944
Vaihingen, den 15.2.44.
Lieber Eltern!
Mutters Briefe vom 11. und 12. d. M. habe ich gestern dankend erhalten. – Gestern war ich im Theater in Stuttgart und sah „die heilige Johanna“, eine dramatische Chronik von Bernhard Shaw. Das Schauspiel hat mir gut gefallen bis auf seinen weltanschaulichen Inhalt. Als ich abends nach Hause kam, erfuhr ich, daß ein Patient – der schwere Fall, von dem ich Mutter bereits erzählte – einige Stunden nach einer Nachamputation gestorben ist, was übrigens vorausgesehen worden war. Als ich dann auf meine Stube ging, fand ich Mutters Brief mit der Todesanzeige meines Freundes Hans Angerhausen vor. Ich will Euch nicht schreiben, welche Gefühle mich bewegten; er wurde früh vollendet. – Zu der Blutübertragung habe ich mich ziemlich freiwillig gemeldet. Dadurch werde ich aber keinen Tag später entlassen – zu Eurer Beruhigung. Im übrigen ist das eine geringfügige, schmerzlose Sache. Meine Blutgruppe (0) ist stark gefragt und augenblicklich hier knapp. – Hier ist jetzt auch Winter geworden. Es liegt Schnee, und es friert auch leicht. Das Wetter ist jedenfalls gesünder als der andauernde
Regen vorher. Am Sonntag war ich im Kino und sah den billigen Film: „Die Sache mit Styx“. Nachher habe ich mit einem netten R.A.D.-Mädel einen ausgedehnten Spaziergang gemacht. – Gleich will ich Frau Beil einen kurzen Besuch abstatten. Hoffentlich ist sie daheim. Um ½ 4 muß ich zur Einsegnung des gestorbenen Kameraden wieder hier sein. Er wird zu seinem Heimatort überführt. – Sonst gibt’s nichts Neues zu berichten. Übrigens habe ich erfahren, daß hier in einer kleinen kath. Kirche regelmäßig sonntags morgens Gottesdienst ist. So war ich Sonntag in der Kirche, die noch neu ist.
Frohe Grüße,
Euer Karl Heinz