Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 8. August 1944
Neuhaus, den 8.8.44
Liebe Eltern!
Heute abend habe ich keinen Ausgang (Löschtrupp), so daß ich noch Zeit habe, Mutters langen Brief zu beantworten, für den ich herzlich danke. Wenn ich nicht ausgehe, ist meine Hauptbeschäftigung in der Freizeit das Briefschreiben.
Liebe Mutter, Du hast ja wieder schwer geschuftet, wie ich aus Deinen Zeilen ersehe: Hausputz u. a., besonders Einmachen. Ja, was wäre für uns ein Urlaub, wenn Du nicht so gut für unser leibliches Wohl sorgtest, und dies schon weit im Voraus. Du bist doch eine gute brave Soldatenmutter, unsere Mutter!
Die Nachrichten aus Lüdinghausen sind ja recht unerfreulich. – Wie hat Holtmann am Patrozinium über die Tapferkeit gepredigt? – Günter hat ja großes Pech. Vielleicht bekommt er nach seinem ersten Abschuß Urlaub.
Wann, wohin und ob ich überhaupt zum Lehrgang komme, hängt davon ab, ob ich zum R.O.B. (Reserve-Offiziers-Bewerber) ernannt werde, und dieses wird im Laufe der nächsten Wochen geklärt. Ich muß etwas Glück haben, wenn das klappen soll. Es würde mich aber weiter nicht tief berühren, wenn ich nicht Offizier werden kann. Vielleicht lasse ich mich dann zu einem U.-Lehrgang (Unterführer-L.) kommandieren. – Zur Silbernen Hochzeit werde ich kaum zu Hause sein können. Macht Euch da bitte keine Hoffnung, dann werdet Ihr auch nicht enttäuscht. – Was Du, liebe Mutter, in meiner Schublade entdecktest, ist leider nur ein recht bescheidenes Praesentchen. Mein eigentliches Geschenk mußte ich leider unvollendet in Vaters Hände geben. Es ist das feine Paradiesbild, zu dem ich einen Rahmen bestellte, und das ich selbst nicht mehr fertig sah, da sich alles in den letzten Urlaubstagen zusammendrängte. – Liebe Mutter, mach Dir nur keine Vorwürfe, daß Du in meinen letzten Urlaubstagen nicht zu Hause warst. Ich bin ja lange genug mit Dir zusammengewesen und habe auch so noch viel Freude gehabt. Wir hätten zu wenig Plätzchen gegessen? Dabei haben wir alle wacker zugegriffen! Das Namenstagskind (Anni Albers) hatte freilich noch einen Kuchen mitgebracht, und sooo groß sind
unsere Mägen nun doch nicht! Nachdem wir Wein getrunken hatten, wollte niemand mehr einen „Steeler Krieger“ trinken, und so’n Säufer bin ich nicht, daß ich die Flasche allein leer machen sollte. Dir wird das Tröpfchen auch gut schmecken, Mutter!
Gestern abend besuchte ich noch einmal für kurze Zeit hier den Vikar und ging auch bei einem Jungmann vorbei. Ein paar Worte mit solchen Menschen zu wechseln, freut mich immer.
Lieber Vater, schicke mir bitte 20 St. der gelben Feldpostbriefe aus meinem Karton in der Kommodenschublade. Ich schreibe nämlich ziemlich viel.
Für heute will ich nun schließen.
Frohen Gruß,
Euer Karl Heinz
Feldpost Neuhaus (Kr. Paderborn) 9.8.44
Familie
Gisbert Kranz,
22 Essen-Steele
Postfach 21
Absender: Gefr. K. H. Kranz, Marschschwadron
A.E.A. 15 21 Neuhaus/Paderborn