Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 6. September 1944

Paderborn, den 6.9.44

Lieber Eltern!

Soeben erhielt ich Mutters lieben Brief vom 5. d. M., für den ich herzlich danke. Ich hatte ja gleich gesagt, daß die Reise mit vielen Unannehmlichkeiten verlaufen würde. Na, liebe Mutter, so warst Du wenigstens noch mal daheim. – Tante Marie habe ich gerade geschrieben und zum Namenstag gratuliert. – Vater ist nun wieder eine Arbeitskraft los. Laßt es nur langsam gehen im Geschäft. Du, liebe Mutter, willst also wieder Deinen alten Kassiererposten übernehmen. Wir wollen hoffen, daß es nur für kurze Zeit ist. Der Krieg geht seinem Ende zu.

Gisberts Brief las ich mit Interesse. Ich schicke ihn anbei wieder zurück. Das Manuskript bewahrt Ihr doch hoffentlich im Luftschutzkeller auf.

Liebe Mutter, mach Dir doch bitte keine Hoffnung, daß ich am 2. Oktober zu Hause sein kann. Es ist vollständige Urlaubssperre. Unsere Urlauber sind alle zurückgerufen worden. Wer weiß zudem wo ich dann stecke. Bei der gespannten Lage muß man mit allem rechnen. Seitdem die beiden U.-Lehrgänge, bei denen wir Fahnenjunker ausbildeten, vor ein paar Tagen ausrückten zum Westen, liegen wir wieder auf der faulen Haut und warten der kommenden Dinge. Wir lesen, spielen, schreiben, gehen spazieren und ins Kino und schlagen die Zeit tot. Heute habe ich mal U.v.D. Ich sah hier die Filme „Immensee“ und „Der große Schatten“. – Sonst nichts Neues in Paderborn.

Mit frohem Gruß,

Euer Karl

Ich bekomme gar keine Zeitung mehr. Dabei bin ich jetzt so gespannt darauf, weil man hier kaum etwas vom Kriegsgeschehen erfährt. Schickt mir doch bitte die „Heimat am Mittag“ weiter.