Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 18. September 1944
Wilhelmsberg, den 18.9.44
Liebe Eltern!
Heute bekam ich den nachgesandten Brief mit Vaters Zeilen. Besten Dank! Zeitungen erhalte ich auch immer.
Heute morgen habe ich mir beim Optiker meine Brille abgeholt. Es ist ein dunkles Horngestell, das ich durch die Güte der Verkäuferin anstelle des Wehrmachtseinheitsdrahtgestells bekam. Ich mache damit zwar ein etwas brutales Gesicht, aber daran wird sich meine Umgebung schon gewöhnen.
Heute nachmittag fand endlich der Umzug in die moderne Kaserne Wilhelmsberg statt. Meine Anschrift bleibt dieselbe wie vorher. Ich liege nun auf einer kleinen, sauberen Stube mit zwei Kameraden und belege einen Spind für mich allein.
(Vorher mußten sich drei Mann in einen Spind teilen). Man fühlt sich direkt wohler, wenn man wieder eine ordentliche, ruhige Stube bewohnt. Der Dienst wird nun unter den Augen unseres Chef und unseres Spießes etwas „zackiger“ werden als in den letzten Tagen, aber das schadet uns nicht; wir verschloten sonst ja noch. –
Gestern gab es, just als ich ausgehen wollte und mich schon auf dem Wege zur Kasernenwache befand, wieder einen Alarm (kein Fliegeralarm), der jetzt noch andauert. Das bedeutet für uns Ausgangssperre. Ein Teil Leute ist wieder wie vor kurzem ausgerückt, aber wir Fahnenjunker und R.O.B.-isten werden davon nicht betroffen. Durch eine Kriegslist ist es mir gelungen, gestern abend doch noch zur
Kirche zu kommen und dem hl. Opfer beizuwohnen. Dabei habe ich besonders, wie auch heute, Deiner, lieber Vater, gedacht. – Eine besonders gute Geburtstagszigarre wird ja wohl noch dagewesen sein, um am Abend von Dir genießend verräuchert zu werden.
Die Ereignisse an den Fronten machen uns allen, uns Soldaten und Euch, große Sorge. Doch wir wollen nicht verzagen, mag uns auch Schweres treffen. Gott wird alles zu unserem Besten lenken.
Und nun wünsche ich Euch alles Gute.
Herzlich grüßt
Euer Karl
P.S. Wenn es möglich ist, schickt mir bitte 3 Kleiderbügel mit Steg.