Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 11. Oktober 1944

Wilhelmsberg, den 11.10.44.

Liebe Eltern!

Als ich heute nachmittag im Wachlokal saß und einmal durch’s Fenster schaute, sah ich Wilhelm Salberg durchs Tor hereinkommen. Er war mit dem Fahrrad nach Wilhelmsberg gefahren, um mir Mutters lieben Brief zu bringen und von Günter und Eurer Fahrt nach Nürnberg zu berichten. Für den Brief danke ich Dir herzlich. Mit großem Interesse und mit herzlicher Anteilnahme las ich den Bericht.

Es ist nicht nötig, daß ich weiter auf Mutters Schrieb eingehe, da ich hoffe, zum Seelenamt Kurzurlaub zu bekommen. Morgen früh werde ich mich zum Rapport bei meinem Chef melden, um einen 3-tägigen Sonderurlaub von Samstag bis Montag zu erwirken. Ich komme dann – falls es klappt –

wahrscheinlich in der Nacht von Freitag auf Samstag. – Deiner Annahme, liebe Mutter, daß die Ereignisse vor Günters Unglück, also Tod des Kameraden, Telegramm über Bombenschaden und eigener Unfall am Vortage, ihn bei seinem Flug unsicher gemacht habe und so zum Absturz führte, kann ich nicht zustimmen. Bei einem Flug sind alle Sinne so stark angespannt, daß er bestimmt garnicht die Möglichkeit hatte, seine Gedanken auf etwas anderes als auf den Flug zu richten. Du brauchst Dir bestimmt keine Vorwürfe zu machen, als habest Du indirekt durch die Abschickung des Telegramms zu Günters Tod beigetragen. Warum das Unglück geschah, wollen wir gar nicht zu ergründen suchen, wie ändern doch nichts an dem Geschehenen. Wir wollen lieber,

wie Du schon schriebst, Mutter, Günter unsere Liebe durch Gebet und Opfer beweisen.

Fritz ist nun also in der Stadt Theodor Storms. Ich bin gespannt auf seine erste Nachricht.

Daß Günters letzter Brief an mich nicht ankam, sondern zurückging, wundert mich.

Ich will für heute schließen, denn von der Wache her bin ich ziemlich müde.

Es grüßt Euch herzlich

Euer Karl