Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 7. Januar 1945

Bromberg, den 7.I.45

Liebe Eltern!

Endlich komme ich dazu, Euch wieder ein paar Zeilen zu schreiben.

Im Laufe dieser Woche, die erste, die ich nun glücklich hinter mich gebracht habe, konnte ich den Betrieb auf dieser Schule kennenlernen. Wenn es so bleibt, dann bin ich noch ziemlich zufrieden. Am besten schildere ich Euch mal kurz, woraus unser Dienst besteht. Morgens um 6 Uhr wird geweckt, abends bin ich oft erst gegen Mitternacht zu Bett; aber das macht nichts. Wenn wir Geländedienst haben, fahren wir mit Fahrrädern hinaus. Exerziert haben wir natürlich auch. Dann haben wir vor allem viele Unterrichte: Taktik, Gefechtslehre, Nationalsozialistischer Führungsunterricht, Tagesfragen, Pionier-, Nachrichtenwesen usw. Wir bekommen hier ein ungeheures Pensum vorgesetzt und müssen sehen, daß wir alles kapieren. Da gibt es viele schriftliche Arbeiten zu machen. Zweimal wöchentlich haben wir Sport. Auch andere Dienstarten, die ich nicht alle aufzählen will,

füllen unseren Alltag aus. Wir „liegen dauernd in der Kurve“ – so sagt man unter Landsern. Aber man kann es schon schaffen, wenn man guten Willens und nicht gerade blöde ist. Unsere Vorgänger hatten noch bedeutend mehr Dienst als wir. Nun hat man die Anzahl der Dienststunden heruntergesetzt. Einzelheiten über den Dienst darf ich Euch nicht mitteilen. Jedenfalls bin ich nicht gerade unzufrieden, wenn auch manches besser sein könnte. Vor allem bin ich nicht einsam. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht wenigstens ein paar Worte mit meinen beiden Freunden gesprochen habe. Wir sind jeder in einer anderen Aufsicht (Zugstark), aber in derselben Inspektion (kompaniestark). Als wir vergangenen Montag nach der Messe zum Standortpfarrer gingen, der bei einer Frau Oberregierungsrat Kistner wohnt, wurden wir von der Dame des Hauses mit Tee, Kuchen und Plätzchen bewirtet. Ein gutes Klavier, das dort steht, dürfen wir – Heribert spielt ja auch gut Klavier – benutzen. Ich habe mir in Bromberg schon einige Noten gekauft, die ich spielen kann.

Hier gibt es überhaupt noch manches zu kaufen, was bei uns rar ist. – Bis gestern hatten wir keine Zeit mehr, auszugehen. Gestern abend fuhren wir nach B. zur Kirche, um am Tag der Erscheinung unseres Herrn dem hl. Opfer beizuwohnen. Wir drei und der Adolf Brings dienten vierspännig in Uniform am Altar. Es dienen übrigens immer Soldaten, wie ja der Priester (Standort- oder Kriegspfarrer) auch Soldat ist und die Kirche Garnisonkirche ist.

Heute morgen hatten wir schon um 4 Uhr Wecken und fuhren dann mit der Bahn nach X, wo wir den ganzen Tag schanzten. Erst gegen 19 Uhr kamen wir wieder in der Kaserne an, so daß ich nicht mehr zur hl. Messe gehen konnte. Wahrscheinlich schanzen wir jeden zweiten Sonntag.

Gestern abend nach der Messe aßen Heribert, Alois, Adolf, Karl, Kriegspfarrer Graulich und ich noch im Gasthaus etliche Gerichte – fast die ganze Speisekarte. Hunger bekommt man hier ja genug beim Dienst in der Schneeluft. Nun kommen mir meine Marken gut zu statten. Aber auch sonst werde ich satt.

Ich will nun schließen, denn ich bin sehr müde. Schreibt mir bitte die Anschrift von Fritz und grüßt ihn schon mal herzlich von mir, wenn Ihr ihm schreibt.

Froh grüßt Euch Euer Karl Heinz