Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 20. April 1939

Essen-Steele, den 20.IV.39

Lieber Gisbert!

Ich danke Dir für den langen Brief und die Glückwünsche zu meinem Geburtstag. Ich bitte Dich, in Zukunft die lateinischen Brocken aus Deinen Briefen wegzulassen, da meine Kenntnisse nicht mehr ausreichen, die Worte zu übersetzen. Daß Du Latein kannst und ich nicht (ich habe es nie gekonnt), das weißt Du genauso gut wie ich. – Deinen werten Brief konnte ich leider noch nicht in der O.-Gr. vorlesen, weil wir nach den Ferien noch nicht wieder zusammengekommen sind. W. Sch. war krank, ist aber in den nächsten Tagen aller Voraussicht nach wieder gesund. Und nun zu meiner Fahrt. Am ersten Tag fuhren wir nach Münster, wo wir um 6 Uhr ankamen. Abends um 10 Uhr, als wir schon zu Bett lagen, kamen noch zwei Jungen. Sonst war niemand Fremder in der Jugendherberge. Am anderen morgen gingen wir um 9 Uhr im Dom zur Messe, nachdem wir Kaffee getrunken hatten. Danach besichtigten wir ihn und spazierten durch die Stadt. Schon um Elf Uhr waren wir wieder in der D.J.H. und langweilten uns dort herum, bis wir zu Mittag aßen. (Linsensuppe mit Einlage RM 0,30) Am Nachmittag fuhren wir nach Osnabrück, wo wir um 7 Uhr ankamen. Die D.J.H. war 1a* (mit Sternchen). Der Herbergsvater gab uns ein Prospekt, in dem ein Stadtplan war. Am nächsten Tag fuhren wir nach Hausberge. In der D.J.H. waren Jungen von einem Schulschiff, die dort für ihren Beruf geschult werden. Alle 8 Wochen kommen wieder neue. Am vierten Tag kamen wir nach Hameln. Es gefielen mir dort sowohl wie auch in Höxter besonders die alten Häuschen mit den geschnitzten, buntgemalten Friesen aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Am nächsten Tag fuhren wir nach Höxter. Mittags

zwischen ½ 2-3 Uhr bekamen wir ein Gewitter. Wir hatten uns die ganze Zeit untergestellt und wurden überhaupt nicht naß. Bisher hatten wir das herrlichste Wetter, daß man sich für eine Fahrt denken konnte. Auch am Nachmittag des Tages blieb es noch schön. Jedoch das dicke Ende sollte noch kommen! In Höxter war eine kleine, nette Jugendherberge. Die Herbergseltern waren freundliche Leute in den fünfziger Jahren. Am nächsten Tage radelten wir nach Paderborn. Der Himmel war mit Wolken bedeckt. Wir bekamen manchen Schauer auf unser ehrenwertes Haupt, jedoch ließ sich das Wetter noch ertragen. Wir hatten auf der ganzen Fahrt von Steele bis Steele nur einmal Gegenwind, nämlich immer. In den letzten Tagen war es besonders schlimm. – In Paderborn war eine große Jugendherberge. Als wir dort ankamen, machten wir einen Spaziergang. Zunächst gingen wir zum Dom. Wir kamen nicht aus dem Bewundern heraus. Es hat keinen Sinn, Dir das ausführlich zu schreiben, weil Du ja den Dom auch schon gesehen hast. – Dann wanderten wir durch die Stadt, sahen das Rathaus, die Franziskanerkirche und manches andere. Am andern Morgen besuchten wir um 7 Uhr in der Krypta des Domes die hl. Messe (Weißen Sonntag). An diesem Tage wollten wir uns allerhand leisten, z. B. einen Nachmittagskaffee mit Teilchen. Wir kamen ungefähr um ½ 4 in Soest an. Ich sagte, es sei noch zu früh, um Kaffee zu trinken, wir wollten in dem nächsten größeren Dorf Rast machen. Da wir ziemlich naß waren (es regnete einen richtigen Landregen), meinte Hans, wir sollten doch in Soest bleiben. Ich sagte, dann müßten wir am nächsten Tag soviel fahren. Also fuhren wir bis Werl. Unterwegs bekam Hans einen Platten, den wir nach 1-stündigem Bemühen heilten. Hans hatte schon einmal 2 Tage vorher Panne, die uns 1 ½ Stunde aufhielt. Daß wir von dem Regen nicht trockener wurden, kannst Du Dir denken. Wir spähten in jedem Dorf nach einer Bäckerei. Glaubst Du,

wir hätten eine gefunden? Nicht die Bohne! Als wir um 6 Uhr in Werl ankamen, waren die Bäckereien geschlossen! Wir vertrösteten uns auf den nächsten Tag. Wir gingen zur D.J.H., die in einer Schule untergebracht war. Also Notjugendherberge. Wir gingen zum Hauptportal. Zu! Wir trotteten um den Bau herum und schellten an der Seite an. Ein Herr öffnete uns und sagte auf unsere Frage: „Ihr müsst hinten an der Tür schellen. Dort wohnt der Hausmeister. Ich glaube aber nicht, daß er zu Haus ist, denn er wollte mit dem Auto zu seinen Verwandten.“ Wir schellten, einmal, zweimal, dreimal. Niemand kam. Wir sahen uns gegenseitig an und lachten, denn unsere Gesichter waren 10 cm länger geworden. Ich sagte zu Hans: „Komm, wir flicken deinen Platten.“ Denn die Luft entwich immer noch langsam dem Schlauch. Der freundliche Herr gab uns den Schlüssel zu einer Bude, in der allerhand Dreck herumlag. Er nannte es seinen „Abstellraum“. Hier flickten wir den Platten. Wir waren gerade fertig, als der Sohn des Herrn kam und sagte, der Direktor warte am Hauptportal auf uns. Wir gingen hin und fanden den Direktor, wie er gerade persönlich die Tür offengemacht hatte. Er zeigte uns den Tagesraum, der offen war. Der Schlafraum war zu. Den Schlüssel hatten nur der Hausmeister, der auch Herbergsvater war. Wir hatten von dem freundlichen Herrn zwei Schnitten Brot bekommen; ich hatte ihm durch die Blume gesagt, wir hätten nur noch ein kleines Stück Brot. Mehr konnte er auch nicht geben, weil er selbst nicht viel mehr im Haus hatte. Wir hatten mit unserem Brot jeder zwei dicke Schnitten, die wir langsam aufzehrten. Dann schrieben wir Karten nach Hause. Hans war schon eher fertig als ich und legte sich auf die Bank. Ich schrieb noch zu Ende und räumte auf. Inzwischen war Hans schon im Reich der Träume. Ich weckte ihn, und wir machten uns eine Lagerstatt zurecht. Er schlief auf der Bank und ich

Fortgesetzt am 23.IV.39

neben ihm auf Stühlen. Als Kopfkissen dienten die Affen. Das Zeug, das wir am Tag anhatten, konnten wir nicht anziehen, da es plitschnaß war. Wir konnten also nur wenig tragen. Geheizt war natürlich nicht, da noch Ferien waren. Wir krochen in unsere Schlafsäcke und schliefen bald ein. Um Mitternacht höre ich Geräusche. Ich blicke auf und sehe den Hausmeister mit seiner Frau. Diese regt sich anscheinend auf, daß wir überhaupt gekommen sind, und sagt: „Das ganze Jahr sind keine Jungen hier. Ausgerechnet, wenn wir ausgehen, kommen welche.“ Wir packten unsere Klamotten und gingen in den richtigen Schlafraum. Ich muß sagen, die schönsten Betten, in denen wir auf unserer Fahrt geschlafen haben, waren in Werl. 30 cm dicke Polster mit Federn. Nur einstöckig. – Am anderen Morgen regnete es, als wir abfuhren. Wir waren kaum aus Werl, als wir schon tüchtig naß waren. Wir stellten uns unter und beratschlagten, was wir tun sollten. Schließlich kamen wir überein, daß wir bis Unna fahren und dann mit dem Zug nach Hause wollten. Gesagt, getan! Als wir in Unna ankamen, konnte man uns auswringen. Wir hatten Gegenwind und kalt war es auch. Ich konnte kaum das Geld für die Fahrkarte holen, so steife Finger hatte ich. Wir lösten die Karten, RM. 2,20, mit Fahrrad 2,60. Um 11 Uhr kamen wir zum Bahnhof, um 2 Minuten vor Eins fuhr der nächste Zug nach Dortmund. In der Zwischenzeit saßen wir in einem „Wartesaal“, der so groß wie eine Gartenlaube war. Um die Zeit zu vertreiben spielte ich „Iha, der Esel“. Wir froren wie Schneider. Ich wundere mich heute noch, daß ich mich nicht erkältet habe. – In Dortmund warteten wir noch eine knappe Stunde. Um ½ 4 waren wir zu Hause. – Gegessen hatten wir auf der Fahrt immer gut. Einmal bekamen wir für RM 0,25 einen Teller Linsensuppe mit Mettwurst und Pflaumen (eingemachte) als Nachtisch in einer Gastwirtschaft.

Ein anderes Mal hatten wir ein steinhartes Brot, daß man kaum schneiden und essen konnte. Es war an einem Abend der Anlaß zu einer Lachsalve hinter der anderen. Einen vergnügten Tag hatten wir auf der ganzen Fahrt nicht, worüber ich mich heute noch schwarz ärgere, denn Geld hatten wir genug. – Wir hatten viel gesehen auf unserer Fahrt, z. B. den Halterner Stausee, Münster, das schöne Wiehengebirge, die herrliche Weser, die Porta Westfalica, die alte Rattenfängerstadt, Höxter, Paderborn mit seinen Kunstschätzen und vieles andere. Wir sahen Wälder und Felder, Berge und Täler, Flüsse und Bäche, Städte und Dörfer, wir sahen Westfalen mit seinen Menschen. Die Fahrt hat mir allerhand geboten, und ich werde sie nicht so leicht vergessen. –

Heute morgen wurde ein gesalzener Hirtenbrief über die Gemeinschaftsschule verlesen, die jetzt überall eingeführt ist. – Am 20. April hatten wir Schulfrei. Freitag war ich das erste Mal in diesem Jahr paddeln (mit Hans Eyting). – In der „Burg“ steht keine Jahresgeschichte. Das ist schade. – An der Penne soll wieder allerhand los sein. Ich will den Jungen in der O.Gr. sagen, daß sie Dir mal darüber schreiben. Sie beziehen jetzt alle den „Pfeil“ mit Ausnahme von „Winnetu“, den ich noch nicht gesehen habe. – Mutter ist für acht Tage nach Tante Nettchen gefahren. – Die „Weltwarten“ verwahre ich Dir immer. – Ich hoffe, daß ich Dich mit dem Brief nicht gelangweilt und Dir die Zeit gestohlen habe. In Zukunft bekommst Du nicht mehr so lange Briefe. Rege Dich bitte nicht über Fehler auf, die vorkommen und achte nicht auf den Stil usw., denn dies sollte ja kein Aufsatz sein.

Herzliche Grüße

Karl Heinz

P.S. Dein ehemaliges Schlafzimmer ist tapeziert und der Fußboden angestrichen worden. An dem Waschbecken sind jetzt Steinfliesen wie im Badezimmer.

Bitte wenden

P.S.: In Hameln war viel Militär. An der D.J.H., die außerhalb der Stadt lag, war ein großes Übungsfeld mit langen Schützengräben und künstlichen Granattrichtern. Jeden Tag waren dort Soldaten, die mit Geschützen und Maschinengewehren die Gegend unsicher machten. Sie schossen mit Platzpatronen. – In der D.J.H. in Höxter trafen wir einen Soldaten aus Essen. Er behauptete, er kenne uns; dabei hatte der Schlaumeier auf die Ausweise gesehen, die da lagen, und konnte deshalb so tun als ob. – In Hausberge trafen wir einen Jungen aus Kempten im Allgäu. Er war schon ein Jahr ununterbrochen auf Fahrt. Er hatte erst Geld zusammengespart und ist dann zu Fuß durch fast ganz Deutschland gekommen. Dann wurde das Wandern auf lange Zeit verboten, da Arbeitskräfte fehlen. Er kaufte sich dann ein Rad und fuhr weiter. Er hatte einen richtigen Rucksack, in dem er unter anderem für 6 Wochen volle Verpflegung bei sich hatte (2 Pfund Speck, Schinken usw.). Als er seinen Rucksack zumachen wollte, mußt sich einer oben drauf legen und drücken, während der andere unten mit Mühe zuschnallte. In derselben D.J.H. war auch ein Holländer. Abends, als wir im Bett lagen, las er beim Schein seiner Taschenlampe ein holländisches Buch, bis ihn einer darauf aufmerksam machte, daß die anderen schlafen wollten. – In Münster ließ ich mein Käppi in der D.J.H. liegen. Als wir 2 km gefahren waren, merkte ich es und fuhr um, während Hans schon langsam weiterfuhr. Ich holte ihn erst nach 20 bis 30 km wieder ein. – Nächsten Dienstag fahre ich zur Münsterkirche zum Vortrag von Pfarrektor Dresten. Karl Heinz

Viele Grüße auch von Vater.