Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 7. Mai 1939

Essen-Steele, den 7.V.1939

Lieber Gisbert!

Ich danke Dir für Deinen Brief. Hier ist jetzt Maikirmes. Gleich (um ¼ 4 Uhr) fahre ich als Vertreter der Ogr. zu Kaplan R. im Franz-Sales-Haus, wo sich Vertreter aller Gr. Essens zusammenfinden. Ich muß Dir noch allerhand von N.P. erzählen, da ich es nicht schreiben kann. Ich soll Dich von Hermannspan, Hans Effing usw. grüßen. Jeder fragt nach Dir. Ich kann nicht mehr über die Straße gehen, ohne von einem angerempelt zu werden, der nach Dir fragt. In der letzten Ogr. las ich Deinen Brief vor. – Inzwischen war ich im F.-S.-H. Kaplan R. war selbst nicht da. Erst haben wir (mit mir 4 Mann, Gr. Mülheim fehlte) Streuselkuchen gegessen, der in Unmengen vorhanden war, und Kaffee getrunken. Dann sind wir auf die Bude „Pidder“ Rs. gegangen und uns über alles mögliche unterhalten. Schließlich kam Jupp Br., ehemaliger G.-Leiter. Von jetzt an gibt es wieder Beitrag. Wir müssen 0,50 RM abliefern. Um 6 Uhr machten wir Schluß, nachdem wir ein paar zackige Lieder schmetterten. Dann fuhr ich nach Hause und ging auf die Kirmes. Es war viel Betrieb, erst recht, da sehr schönes Wetter ist. Ich war in einer Bude, in der ein „Fakir“ auftrat, der 10 rostige Rasierklingen schluckte, und dann einen 2 m langen Faden. Nach einigem Würgen zog er den Faden wieder heraus, an dem die 10 Rasierklingen in 15 cm Abstand festgeknüpft war. Als er die Klingen geschluckt hatte, mußte ein Mann aus dem Publikum ihm in den Mund sehen, ob er die Klingen wirklich geschluckt habe. Noch etliche andere Metzchen wurden vorgemacht, daß ich nicht alles schreiben will, da es zu weit führen würde.

Der Goldschmied hat aus der geerbten prachtvollen goldenen Uhrkette von m. Mutter für mich eine sehr schöne Halskette, Armband u. Armbanduhrkette gearbeitet. Alles ist wunderschön geworden. Nun, lb. Gisbert, sei vielmals herzl. gegr. u. gek. von Deiner treu an Dich denkenden Mutter.

Die üblichen Schreier waren natürlich auch vorhanden. „Nicht für 3 Reichsmark, nicht für 2 RM, nicht für 2,50 RM, nein ich überlassen Ihnen diese Geldbörse aus echtem Kunstleder für nur 1 Reichsmark, 100 Reichspfennige. Und dazu gebe ich Ihnen noch gratis ein Opernglas! Und alles für nur 1 Reichsmark, 100 Reichspfennige, 10 Groschen“. Na, Du kennst die Leutchen ja auch! Neben vielen Eis-, Glücks-, „Leckers“buden und Buden mit belegten Brötchen gab es noch Schießbuden, Karussels, ein Riesenrad, eine Hexenschaukel, Selbstlenker, Schiffschaukel, Raketenbahn, Schaubuden und nicht zuletzt die „Krimskramsstände“. – Und nun noch einmal zur Osterfahrt. Den Mindener Dom und die Überführung des Mittellandskanal über die Weser haben wir leider nicht gesehen. Als wir in Minden auf einer Weserbrücke standen und nach der D.J.H. fragten, erfuhren wir, daß Hausberge noch ein paar km entfernt war. Wir mußten einen Teil der Strecke (2 km), die wir gekommen waren, wieder zurück und noch ein Stück weiter. Wir mußten gegenüber von Hausberge über eine Brücke und 3 Pfg a Person bezahlen. Als wir einen ziemlich steilen und langen Berg mit müden Knochen hinaufgeschoben waren, standen wir vor der D.J.H. Wie schon gesagt, wir waren müde. Dann wußte ich nichts von dem Kanalübergang und dem Dom, wenigstens an dem Tag nicht. Dieses sind die Gründe, warum wir nicht Minden besichtigten, obwohl wir Zeit hatten. Wir hatten uns auf eine Wiese hingelegt und ausgeruht. – In Korvey war ich, während Hans noch in der Stadt herumspazierte. Aber es war schon keine Besichtigung mehr und deshalb konnte ich das Schloß nur von außen besehen. –