Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 24. September 1939
E.-Steele, den 24.IX.1939
Lieber Gisbert!
Ich danke für Deinen Brief. War H. Mäders denn weg? Ich weiß von nichts, mein Name ist Hase. Daß Hans Effing eingezogen worden ist, glaube ich nicht, kann es aber nicht mit Bestimmtheit sagen. Mit der Traubenernte ist es nicht weit her. Wir haben erst einmal welche gegessen (die Angestellten haben auch Trauben bekommen). Was jetzt noch hängt, ist noch nicht ganz reif und wird, wenn es reif ist, von den Vögeln abgefressen. Das Buch von W. Flex: „Wanderer zwischen beiden Welten“ kann ich nirgends bekommen. – In den Ferien fiel die Runde aus. Letzten Donnerstag kamen wir wieder zusammen. Ich las aus Deinem Buch: „Kriegsfreiwilliger 1937“ vor. Dann las Werner eine Tiergeschichte von H. Löns vor und darauf als Gegensatz die Geschichte: „Das Schwingen“ von F. Timmermanns. Die nächste Runde wollen wir eine Michael-Feier machen. Ob Die Kerls noch alle mutig und frisch sind? Ich glaube, da brauchst Du nicht zu zweifeln. –Für unsere Branche sind noch keine Bezugsscheine. Wohl ist schwer an bestimmte Waren dranzukommen. Einige Sachen dürfen auch nicht mehr hergestellt
werden. – Werner Vogt war in den Ferien 12 Tage lang eingezogen! Zum S.H.D. (Sicherheitsdienst [Ziviler Luftschutz]). Er mußte mit seiner Karre, auf der er feierlich S.H.D. gemalt hatte, Botendienst machen. Er bekam 15 RM mit Vergütung für das Rad. – Ich war beim Herrn Dechant und habe dort von Dir erzählt. Er lässt Grüße bestellen. – Du verdienst jetzt ja schwer. Soviel bekomme ich im ersten Lehrjahr. – Bis heute hatte ich Ferien. Morgen nachmittag um 14 Uhr beginnt der Unterricht wieder, aber in einer anderen Schule (daher nachmittags!). – Hast Du den Brief von Direktor Lieser, den Mutter Dir zuschickte, bekommen? – Die Angestellten sind noch alle im Geschäft. – Mich wundert es, daß in Biesdorf die Glocken noch läuten. Hier darf schon seit Wochen nicht mehr geläutet werden, da es beim Abhorchen nach feindlichen Fliegern stört. Herzliche Grüße
Karl Heinz
Lieber Gisbert!
Vor einigen Tagen war Paul Keisebaum im Laden und erkundigte sich nach Dir und läßt bestens grüßen. K. meinte er sei jetzt Kriegsgewinnler, spare die Semestergelder und verdiene zu Hause durch Arbeiten. Ich bin gespannt, was man nun mit Euch vorhat. Uns geht es gut und mein Bäuchlein verschwindet allmählich.
Recht herzliche Grüße und alles Gute
Dein Vater