Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 18. Februar 1940

18.II.40.

Lieber Gisbert!

Ich danke Dir für Deinen Brief, über den ich mich sehr freute. Nach Möglichkeit werde ich dafür sorgen, daß die Zusammenkunft im März auf den 2. Ostertag oder auf einen der folgenden Tage fällt. Du bist ja sehr großzügig, daß Du mir die beiden Bücher schenken willst. Ich danke Dir dafür. Lies sie Dir erst einmal gründlich durch und schreibe Dir den Inhalt hinter die Ohren. Hoffentlich bekommst Du die Bücher auch, denn sie werden ja nicht mehr gedruckt (verboten). – Es hat hier wieder mächtig geschneit und ist es lausig kalt (10 % heute morgen). – Dein Wunsch hat sich, soweit ich es beurteilen kann, erfüllt. – Einen Dichter für die mündliche Prüfung habe ich nicht, da wir keinen brauchen. Letzten Donnerstag begann die schriftliche Prüfung mit einem Deutschaufsatz. Es wurden 3 Themen gestellt: 1. Die Aufgaben des Handels im Krieg. 2. „Das Deutschland der Zukunft wird ein Bauernreich sein, oder es wird nicht sein“ (Adolf Hitler). 3. Nie wieder Versailles! Ich nahm das zweite Thema und kam auch mit den 3 vollen Stunden gut aus. Feitag hatten wir 2 Stunden Englisch und 2 Stunden Buchführung. Im letzten Fach habe ich die Arbeit vermurxt. Samstag wurden wir zwei Stunden lang mit Rechenaufgaben gequält. Montag machen wir noch Steno und Maschinenschreiben. Unser Stenolehrer will uns „langsame 120“ diktieren, d. h. in Wirklichkeit nur 100! Wer da die Prüfung nicht besteht, ist reif für Grafenberg. Überhaupt hatten wir schwer gefuscht, natürlich ohne aufzufallen. Die Mündliche wird wohl in 14 Tagen Donnerstag, Freitag und Samstag stattfinden. Große Anforderungen sind bis jetzt noch nicht an uns gestellt worden. Z. B. hatten

wir in Buchführung eine Aufgabe gestellt bekommen, die wir schon vor fast einem Jahr gekonnt hätten. Daß ich diese Arbeit trotzdem verbaut habe, führe ich „annehmbarerweise“ auf Rechenfehler zurück. – Der Fall mit den Schuhen hat sich ja inzwischen aufgeklärt: Günter hatte Deine Schuhe mit den seinen verwechselt. Dies kam, weil er die Schuhe erst gerade von Dir geerbt hatte. – Ich soll Dir Grüße von Herbert Weise bestellen. Er hatte noch keine Zeit, Deinen Brief zu beantworten, wird es aber demnächst tun. – Heute nachmittag gehe ich mit Vater zum Saalbau, wo ein Zauberkünstler, namens Bosko, seine Darbietungen zeigt. Ich bin gespannt, was wir da vorgeschwindelt bekommen. – Wir haben im Laden wieder Rasierklingenmesser. Wenn Du eins haben willst, schreibe mir es, daß ich eins zurücklege für Dich. Für heute sei herzlich gegrüßt von

Karl Heinz

P.S. Mutter schreibt, Du seiest mager geworden vom vielen Arbeiten. „Ab und zu soll man sich ruhn, andere wollen auch was tun!“ Beherzige den Spruch!

Lieber Gisbert! Deine Karten erhielt ich heute (Sonntag) morgen und werde ich Dir das Geld morgen schicken.

Mutter wird ja wohl bei der Rückkehr viel zu erzählen haben.

Herzl. Grüße

Dein Vater