Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 23. April 1941
Essen-Steele, den 23.IV.
Lieber Gisbert!
Anbei schicke ich Dir die Fotos, die etwas geworden sind, nämlich 5. Der Schnappschuß in der Kantine ist verhältnismäßig gut gelungen. Du siehst da aus wie ein General mit Einglas. Nur der Vordergrund stört. Das Bild auf der Brücke ist wegen falscher Einstellung nichts geworden. Das nächste Bild sieht etwas verworren aus, ist zudem ein wenig verwackelt. Die Ganzaufnahme von Dir in Paradeuniform ist gut gelungen, die Teilaufnahme ist etwas unterbelichtet, die Aufnahme auf der Brücke ebenfalls. Das Foto des Baches bei Hesen ist gut gelungen.
Unterstrichene Fotos schicke ich mit. Zahl (1) = Nr. des Bildes
Teile mir, bitte, mit, von welchen Aufnahmen Du Abzüge wünschst. Gib dabei die Nummer des Bildes mit der Stückzahl an. Die Fotos schicke mir, bitte, wieder mit. –
Ich habe das Büchlein von Tilmann über das Gebet gelesen. Ich findes es gut. Jetzt lese ich (während der Bahnfahrt) „Wilhelm Tell“. Wilhelm Hünermanns „Priester der Verbannten“ habe ich auch aus. Ist dieser Hünermann jener Kaplan, oder ist er identisch mit dem Bischof? – Der Bistumsverweser David wird doch mit Kapitularvikar tituliert! Im „Maternus“ steht: „Bei seinem Besuche in der italienischen Hauptstadt wurde der japanische Außenminister Matsuoka am 2. April auch vom Papst in feierlicher Audienz empfangen.
Die Unterredung dauerte eine Stunde.
.....Der Minister, der selbst evangelischer Christ ist, ..... Die Neuordnung in Japan hat auch für die Kirche mannigfache Probleme mit sich gebracht. Bisher sind diese aber in freundschaftlichem Einvernehmen mit der Regierung gelöst worden.“ –
Nächsten Sonntag gehen wir morgens vom Kotten aus zum Folkwang-Museum. Obwohl jetzt wegen Bombengefahr die wertvollsten Sachen wohl in den Keller gepackt worden sind, verspreche ich mir allerhand davon. Sonntag nachmittag findet in Werden in der Ludgeruskirche eine Feierstunde für die gesamte kath. Jugend Groß-Essens statt. Natürlich werde ich auch hinpilgern. Vielleicht erinnerst
Du Dich, wie wir voriges Jahr in Werden waren. Hoffentlich ist die Beteiligung genauso stark wie das letztemal. Willst Du den „Büchertisch“ und die „Neue Saat“ nachgeschickt haben? –
Als wir von Hamm nach Steele fuhren, haben wir ununterbrochen stehen müssen. Günter wurde plötzlich kreidebleich und hing seinen Kopf zum Fenster hinaus in die frische Luft. Schließlich drängte er sich durch das besetzte Abteil zum Lokus, woraus er erst nach einer Viertelstunde, aber sichtlich erleichtert erschien. Es stellte sich heraus, daß das Ferkel den ganzen Tag noch nicht auf dem Lokus war! – Während der Fahrt haben Fritz und ich eifrig die
Pfeiffer-Hefte gelesen, trotz der Enge. Der Zug kam fast pünktlich in Steele an. –
Du, ich bin in einer Umgestaltung meines Lebens. Ich sehe doch, daß noch vieles an mir mau ist. Ich hab’ mir vorgenommen, mich ganz gewaltig zusammenzureißen. Nach monatelangem, ja jahrelangem Ringen ist es mir jetzt fast ganz gelungen, von einem großen Fehler loszukommen. Ich hoffe, daß es mit Gottes Hilfe immer weiter vorwärts geht. Hilf Du mir mit durch Dein Gebet. Es ist das wirksamste Mittel, mit dem Du mir helfen kannst. Ich gedenke auch täglich Deiner. Laßt uns so durch eine regelrechte Gebetsgemeinschaft gegenseitig
vorwärtsbringen. Du, ich danke Dir im voraus.
Einen frohen Gruß
Dein Karl Heinz
P.S. Mutter ist im Hausputz; na ja, Du kennst das ja! Ich soll ausrichten: Mutter ist erstaunt, warum Du nicht mehr geschrieben hast. Schreibe, ob Du nicht Taschentücher und Strümpfe benötigst. Da Du schon 7 Wochen ausgebildet wirst, sollst Du fragen, ob vor dem Ausrücken kein Urlaub zu bekommen ist. Wenn nicht, dann kommen Vater und Mutter Dich nochmal besuchen. Mutter möchte wissen, wann Du ausrücken wirst.
Herzliche Grüße von Vater und Mutter.