Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 4. Mai 1941
4.Mai 41.
Lieber Gisbert!
Ich gratuliere Dir schon im voraus zum Reserve-Leutnant. – Letzten Sonntag fand in der Abteikirche in Essen-Werden die Glaubensfeier der katholischen jungen Christen am Grabe des heiligen Ludgerus statt. Es war eine riesige Menschenmenge auf den Beinen (vielleicht mehr als im Vorjahre). Die Leute sollen bis auf die Straße gestanden haben. Die Aufmachung der Glaubensfeier war im Grunde dieselbe wie im Vorjahre. Die Predigt hielt der Franziskanerpater Wilfried, der von den monatlichen Jugendpredigten in der Münsterkirche bereits bekannt
ist. Seine Predigt war, wie immer, quantitativ gering, jedoch qualitativ groß. Er ging aus vom Vätererbe, für das wir dankbar sein müssen, und leitete weiter über die Gegenwart, in der wir stehen und in der wir das Erbe hochhalten und vermehren müssen, um es schließlich an die kommende Generation weiterzugeben. Und das ist unsere Aufgabe, so lautet der Inhalt des Gipfel- und Endgedankens der Predigt, das Vätererbe unverfälscht und noch vermehrt an die Nachkommen weiterzugeben. –
Sonntag morgen war ich im Folkwangmuseum. Es war nur eine Sonderausstellung von Mülheimer Malern, von der man natürlich nicht zuviel verlangen konnte. – Der Hausputz ist glücklich beendet. Deo gratias!
Ich habe jetzt den „Wilhelm Tell“ ausgelesen. Mich beschäftigt die Frage, ob Tell recht tat mit der Ermordung Geßlers. Ich bin der Meinung, daß ein Mord in keinem Fall gerechtfertigt ist, wenn ere nicht in Notwehr ausgeübt wird; aber dann ist es ja kein Mord. Man kann diesen Gedanken auch auf den Soldaten übertragen. Ein Angriff unsererseits ist immer noch Notwehr, weil wir uns nur eines Feindes entledigten, der uns angriff. Von diesem Gesichtspunkt aus gesehen, kann Tell gerechtfertigt werden. Schiller versucht ja auch mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln, Tells Handlung als vollkommen einwandfrei darzustellen durch die großen Gegensätze zwischen ihm und Geßler. Siehe letztes Blatt.
Für mich bleibt noch eine ähnliche Frage offen: Bei einem nicht gerechtfertigten Angriff eines Landes gegen ein anderes handelt es sich nicht um Notwehr. Ich folgere daraus, daß der Soldat sich mitschuldig macht beim Mitwirken an dem Blutvergießen. Oder liegt der Fall so, daß der Soldat keine Eigenverantwortung mehr hat, sondern die ganze Verantwortung bei der verantwortlichen Führung liegt? Vielleicht nimmst Du, wenn die Zeit es Dir erlaubt, einmal Stellung zu diesen Themen. Erinnerst Du Dich noch, wie Albert Stracke damals in der O.G. das letzte Thema anschnitt? –
Seminar und Abtei in Altenberg sind aus unbekannten Gründen
aufgelöst. Hans Schocke befindet sich in Bensberg. –
Ich habe noch eine Frage auf dem Herzen, was das eucharistische Geheimnis anbelangt. Christus kommt in der Gestalt des Brotes in der hl. Kommunion zu uns. Christus ist ja ein Teil des dreieinigen Gottes. Gott isst in drei Personen ein einziger. So kann also auch nicht nur eine Person als Gott anerkannt werden, und es können die beiden anderen Personen nicht abgelehnt werden. So klingt es etwas selten, daß Christus getrennt von den anderen Personen der Gottheit sich in der Gestalt des Brotes befindet. Vielleicht gibst Du mir eine Erklärung dafür. Wenn ich Dich mit solchen Fragen belästige, und Du Dich durch Beantwortung
Deiner Freizeit beraubst, sage es mir nur. Ich möchte mich niemandem aufdrängen. – Hast Du schon das Heft „Der Weg des Soldaten Johannes“ (Niermann) vom Hans Schocke geschickt bekommen? – Übrigens, ich habe mich noch garnicht für Deinen Brief bedankt. Entschuldige! Dieser Brief hat mich sehr gefreut. – Die Fotos schicke ich Dir mit diesem Brief zu. Die Kosten trägt Vater. Hugo Kreutzer ist eingezogen wurden. Philipp Dürfeld ist mit der Nachricht zur Beförderung zum Unteroffizier wieder einberufen worden. – Die einzelnen Gruppen der Pfarrjugend werden jetzt nach einem Heiligen benannt, den die Jungen selbst wählen. Die Gruppe, in der ich bin, heißt
Sebastiangruppe, meine Gruppe führt den Namen Pankratiusgruppe, benannt nach dem 14-jährigen Märtyrer. Eine neue Gruppe der Schulentlassenen ist im Werden. – Hoffentlich hat Jupp Stemmach einen guten Erfolg seiner 14-tägigen Singabende. Der Mann hatte ja z. Z. bei einer Dekanatssingstunde hier auch großes Aufsehen erregt. Aber für heute jetzt Schluß.
Einen frohen Gruß,
Dein Karl Heinz
P.S. (Zu Seite 3:) Damit wäre also jeder Tyrannenmord erlaubt. Wie urteilt die Kirche darüber?
d. 7.5.41.
Lieber Gisbert!
Sonntag sind wir fahrplanmäßig hier gelandet und war es kalt im Zuge und war ich froh, als ich im warmen zu Hause war. Es will und will aber auch nicht warm werden. Heute morgen war wieder Reif auf den Dächern. Wir haben uns gefreut daß Du so gut aussiehst u. zufrieden bist. Deine Strümpfe u. Taschentücher sind gewaschen u. muß ich sie noch stopfen u. werde ich sie Dir Freitag zuschicken, da ich voraussichtlich Samstag mal für 1 Woche nach Rheindahlen fahre um etwas nach den Strapatzen des Hausputzes auszuspannen.
Als Neuigkeit: Morgen verlobt sich Margret Leggewie mit einem Gerichtsassesor. Es grüßt Dich vielmals
Deine Mutter