Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 26. Oktober 1941
Christkönigsfest Essen-Steele, den 26. Oktober 1941
Lieber Gisbert!
Heute Nachmittag war eine Feierstunde in der Kirche. Vor lauter Erwachsenen fand man keine Jugendlichen mehr.
Stell Dir vor, die Kirmes steht nun schon die dritte Woche, angeblich wegen schlechten Wetters!
Mit meinem Fahrtenbericht wird es noch etwas dauern. Ich habe augenblicklich sehr viel zu tun.
In unserem Wohnzimmer haben wir ein Madonnenbild von Lucas Cranach hängen. Wir haben es uns auf Wunsch von Mutter vor kurzem angeschafft. Bei dieser Gelegenheit habe ich alle Bilder umgehängt. Eine Wandfläche habe ich jetzt ziemlich gut aufgeteilt bekommen. In der Mitte der Ofenwand hängt das Madonnenbild, rechts und links hängen die Bilder unserer Großeltern. Den Zeitungsständer haben wir in die Ofenecke verbannt, ebenfalls den Kalender. Ein neues Kruzifix soll nächstens die andere Wand schmücken.
An der alten Zeche Deimelsberg ist ein Barakenlager gebaut worden. Heute sind dort gefangene Franzosen einmarschiert.
Der Luftschutzkeller neben der Laurentiuskirche ist immer noch nicht fertig. Vielleicht ist es im Frieden soweit?!
Neuerdings haben wir im Dom 2 Funzeln mit Blaulichtbirnen als Allgemeinbeleuchtung. Der Pastor kriegt immer tollere Einfälle. Hoffentlich schnappt er nicht noch über.
Es laufen hier zwei tolle Filme: „Ich klage an“ und „Dorf im roten Sturm“. Der erste will dem Kinobesucher klar machen, daß es eine notwendige, ja natürliche Sache ist, Geistesschwache und lebensuntaugliche Menschen in den Himmel zu befördern. Der zweite Film will Dir beweisen, daß man mit christlicher
Nächstenliebe nicht weiterkommt. Die Propaganda arbeitet ....
Frohe Grüße, Karl Heinz
Gruß Günter
Mein lieber Junge!
Über zu wenig Post, brauchst Du sicherlich nicht zu klagen. Hoffentlich ist nun alles, vor allem die vielen Päckchen, 5 an der Zahl, inzwischen eingetrudelt. Schreibe doch sofort, ob wir Dir Wollsachen und was schicken sollen. Hier ist alles beim alten und sind wir alle wohl auf. Im Geschäft wird der Sturm auf die Ware immer toller, die Warenbeschaffung natürlich immer schwieriger. Herr Meyer, der in Urlaub war, ist wieder in Nord-Frankreich, Stalig ist an der Ostfront und nennt sich O Soldat. Die engl. Flieger lassen uns ziemlich ungeschoren. Wir haben selten Alarm und ist hier seit Wochen kein Bombenregen mehr gewesen. Uns soll es so recht sein. Hoffentlich bist Du den Strapatzen gewachsen und kannst durchhalten.
Von Dir ist natürlich dauernd die Rede.
Lebe wohl und sei herzlichst gegrüßt
von Deinem Vater.