Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 9. November 1941
Essen-Steele, den 9. November
Lieber Gisbert!
Dein letzter Brief war ja sehr interessant. Bezüglich der sentimentalen Stellen des Filmes „Annelie“ gebe ich Dir natürlich recht. Nicht daß Du falsche Schlüsse ziehst und meinst, ich wäre auch mit diesen Stellen zufrieden, da ich so begeistert von dem Film schrieb. Über den Film „Ich klage an“ habe ich schon viel gehört, doch kann ich mir noch kein eigenes Urteil erlauben, da ich ihn noch nicht gesehen habe. Ich werde aber in der nächsten Zeit die Gelegenheit, diesen Film zu sehen, ausnützen. Die meisten Leute, die den Film sahen, halten das alles für richtig, was ihnen geboten wird. Man kann das heute auch kaum jemand für übel nehmen, denn wer denkt heute noch? Denken ist Glücksache, und man soll es den Pferden überlassen, die haben den größeren Kopf! So lautet doch das Motto! – Über den Film schreibe ich Dir später.
Ich muß Dich wieder vertrösten: Mein Fahrtenbericht ist immer noch nicht fertig (im Unreinen!) Es geht beim besten Willen nicht schneller. Im voraus sei gesagt, daß Du sehr lange daran zu lesen haben wirst. Also: Geduld!
Übrigens danke ich Dir nochmals herzlich für Deinen Glückwunsch zum Namenstag. Er ist von allen meinen Freunden vergessen worden. Deshalb werte ich Dein Gedenken besonders hoch! Hier haben wir freilich desto mehr
gefeiert. Kuchen war in rauhen Mengen vorhanden. (Schwach übertrieben; immerhin hatten wir für ein paar Tage genug).
Ich habe wieder Zuwachs für meine zukünftige Bibliothek zu verzeichnen: Eine Schrift von Dr. Conrad Gröber, Gott, die Ur-Tatsache, der Ur-Grund, das Urgeheimnis; durch die Borromäus-Bibliothek: Junglas, Die Lehre der Kirche; Hilger, Kleine Lehre von Gottes großer Welt; Maiers Schriftvorlagen in Einzelbogen, Herausgeber Professor W. Schmarrenberger, Zehn Alphabete, ihre Schreibweise und vielseitige Beispiele ihrer Weiterentwicklung und Anwendung, Inhalt: 1. Block, 2. Antiqua, 3. Rustika, 4. Unziale, 5. Gotisch, 6. Fraktur, 7. Schwabacker, 8. Kanzlei, 9. Kursiv, 10. Planschriften. Feine Sache, was?
Den Brief, den Du Fritz geschrieben hast, schickte dieser zu uns. Anscheinend konnte er mit Deiner Philosophie nicht viel anfangen. Mich interessierte es, was Du da schriebst.
Du schriebst uns, daß Du in der Haltung des modernen Menschen zum Leid einen Abstieg, eine Degeneration siehst. – Ich sprach kürzlich mit einem Arbeitskameraden über die Zukunft unseres Volkes. Dabei kam ich auf sehr dunkle Gedanken; dunkel in sofern, als einem anderen Menschen diese pessimistisch erscheinen
mögen. Ich führte aus, daß der äußere Feind in diesem Krieg zwar geworfen wird, daß aber der innere Feind immer mehr wächst und sogar gefördert wird. Und an innerer Zerfäulnis werden wir zu Grunde gehen. Das hat ja die Geschichte immer wieder gezeigt: Ein Volk, das die Grundgesetze des Lebens nicht mehr kennt, ist dem Fall und damit dem Zerfall geweiht. Man mag sich fragen: Was sollen wir denn noch in diesem Volk, das dem Untergang geweiht ist? Können wir denn das Rad der Geschichte aufhalten? Aufhalten können wir es freilich nicht, aber wir können noch retten, was zu retten ist. Haben wir nicht ein mächtiges Erbe von unseren Ahnen erhalten, zur Erhaltung und Vermehrung? Soll das denn alles in dem Zusammenbruch einer Welt zu Grunde gehen? Nein! und nochmals nein! Die Gemeinschaft freilich kann das Erbe nicht hinüberretten in die neue Zeit. Jetzt muß der Einzelne einspringen. Er allein kann und muß das Ahnengut durch Schlachtenlärm und Revolutionen hindurchtragen in den Anfang und Aufbruch der kommenden Zeit. Und mag das noch so unwahrscheinlich klingen: Jeder ist verantwortlich für die Zukunft, denn was der Einzelne jetzt leistet, wird später der neuen Generation als Grund zu neuer Aussaat dienen. Daher ist jetzt unsere erste Aufgabe,
uns selbst zu erziehen und fortzubilden. Wenn jeder so an sich arbeiten würde, als ob von ihm allein, von seinem Wollen, Tun und Sein die Zukunft abhinge, dann ist der Grundpfeiler gebaut für eine neue Zeit. Sei, der du bist.
Nun aber Schluß mit der Philosophie!
Der Herr sei mit Dir!
Einen frohen Gruß,
Karl Heinz