Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 23. November 1941

Essen-Steele, den 23. November 1941

Lieber Gisbert!

Ich will Dich doch nicht länger in Spannung halten mit meinem Fahrtenbericht. Denn das Tagebuch, das ich für mich schreibe, werde ich vorläufig noch nicht zum Abschluß bringen können.

Also, ich hatte mir ja schon im vorigen Jahr geschworen, nicht noch einmal einen Urlaub mit den so kostbaren 14 freien Tagen im Kohlenpütt zu verbringen. Ich machte mich deshalb in diesem Jahr schon früh an den Entwurf eines Fahrtenplanes. Als Fahrtenbruder hatte ich mir Hans Kuhnhaus ausgewählt, jenen Jungen, auf den Du mich damals bei der Jugendwoche aufmerksam gemacht hattest. Es gesellten sich dann noch Willi Schaffrath, kurz Fischken genannt, und Karl Heinz (- = Hausname) hinzu. Eine feine Fahrt ins Sauerland sollte es werden. Alles war bis ins kleinste vorbereitet.

Am Sonntag morgen (31.VIII.) gingen wir in die erste Messe und trafen uns um 7 Uhr wieder am Bahnhof. Nach einer langen Fahrt mit mehrmaligem Umsteigen erreichten wir Lüdenscheid, den Ausgangspunkt unserer Fahrt. Du kennst ja selbst die Stimmung, die herrschte, wenn man von allem Alltag los, raus aus der Großstadt und fern ihres Lärms eine Reihe von schönen Tagen vor sich hat: Wir waren froh- und übermütig. Das Wetter war freilich ziemlich trübe. Schwere Wolkenmassen jagten über den Himmel. Ab und zu kam einmal die Sonne durch. Genau so oft wurden wir aber auch mit einer Regendusche bedacht. Wir tippelten stundenlang einsam durch Wälder. Abends waren wir hundemüde. Wir hatten unser Tagesziel schon weit hinter uns gelassen! Die Schuhe und Strümpfe waren durch die

aufgeweichten Wege klatschnaß geworden. Wir waren über Homert, den sogenannten „Drögen Pütt“, Werkshagen, an der feinen Versetalsperre vorbei (von der ich Dir ein Foto schickte), über Nordhelle (einem Aussichtsturm) nach Hebberg, das aus ein paar Höfen bestand. Dort schliefen wir die erste Nacht in der Scheune. Am zweiten Tag war das Wetter etwas besser. Unser Weg führte uns über Attendorn, Heggen, Finnentrop (Tagesziel), Bahmennohl, nach Weringhausen. Zu Mittag aßen wir auf dem Gut des Grafen Spee ein fettiges Essen. – Ich werde Dir am besten erst einmal eine kurze Fahrtenübersicht aufstellen. -

Der dritte Tag führte uns schon am Morgen nach Fretter, dort blieben wir bei Herrn Remberg bis zum anderen Morgen. Am vierten Tag erreichten wir über Leckmart, Arpe Oberberndorf. Fünfter Tag: Fredeburg, Holthausen, Niedersorpe, Mittel- und Obersorpe, Rehsiepen, Altastenberg. Sechster Tag: Bödefeld, Westernbödefeld, Hanxleben, Rahrbach, Bremke. Siebter Tag: Eslohe, Grevenstein. Achter Tag: Visbeck, Fusthof, Hellefeld. Neunter Tag: Fusthof, Arnsberg. Zehnter Tag: Mit der Eisenbahn nach Hause. -

Nun etwas über das Wetter: Wir hatten durchweg gutes Wetter, an zwei Tagen sogar sehr gutes Wetter; die Sonne brannte uns nur so auf den Pelz. Lediglich der erste Tag und der Morgen des zweiten Tages waren regnerisch. – Was die Futterage anbelangt, konnten wir nicht klagen. Hatte ich doch, als ich nach Hause kam, einige Pfund zugenommen! Die meiste Zeit hatten wir ein warmes Mittagessen. Und wenn, dann auch nicht zu knapp! Dicke Speckstücke waren fast immer dabei. Ich hatte sie freilich mit Widerwillen vertilgt, aber gut haben sie mir doch getan. Wir hatten immer reichlich zu futtern und brauchten nie

zu hungern. Was die Lebensmittelkarten anbelangt, so hatten wir sehr wenig davon Gebrauch gemacht. Lediglich Brot- und Fleischmarken hatten wir gebraucht, damit sie nicht verfielen. Die Fettkarten sind wieder heil nach Hause gewandert. Unterwegs verstanden wir es, alla Jupp Schmitz auf Hamstertouren zu gehen. Den Bogen hatten wir so allmählich ’raus. Nicht weitersagen: Wir bekamen Butter, Milch (natürlich Vollmilch), ja Eier ohne Karten. Einmal wurde uns auch Bohnenkaffee angeboten, auf den wir aber verzichteten. Bezüglich Futterage haben wir also blaue Wunder erlebt. -

Und sonst? Ja, wir haben viel erlebt. So manches tolle Ding wurde gedreht, und wir haben viel Spaß bekommen. Aber die Hauptsache habe ich eigentlich noch nicht erwähnt. Das große Naturerlebnis, das wir hatten, es läßt sich kaum beschreiben. Das schöne Sauerland mit seinen waldbedeckten Bergen, die Täler mit den munter dahineilenden Bächen, die Dörfer und Städtchen, die alle so sauber aussehen und der Landschaft sich anpassen: alles haben wir ausgekostet. Wir gaben uns Mühe, dieses Stücklein deutscher Erde in uns aufzunehmen, damit wir einmal so recht verstehen lernten die Schönheit der Schöpfung und neue Kraft schöpften für neue Arbeit im alten Geleise. Wir sind nicht wie Sonntagsnachmittagsspaziergänger durch die Gegend gelatscht, sondern wir hatten beispielsweise ein paar mal einen kurzen Schweigemarsch gemacht, damit wir uns ganz auf die Landschaftsbetrachtung konzentrieren konnten. Aber nicht nur das Land interessierte uns, auch die Menschen, die darin wohnten, nahmen wir unter die Lupe. Uns fiel auf, daß fast alle Kinder hellblond waren. Die Leute waren derb und echt, rechte Westfalen. Man konnte nicht viel aus ihnen herausholen,

weil sie ziemlich verschlossen waren. Und stolz waren die Leute auf ihr Land, ihre Arbeit; und mit Berechtigung. -

Ja, wir haben auch sehr viele Erlebnisse gehabt. Wir vier Kerle vertrugen uns ziemlich gut. Das war der Grundstock zu einer Kameradschaft, die Bäume ausreißt. Fischken ist ein ulkiger Kerl, dem nie eine dröge Bemerkung fehlt. Hans wurde zu unserem Proviantmeister ernannt, da er im Organisieren Talent zeigte. Karl, unser Jüngster, hat mir am meisten Spaß gemacht; er ist einer von jenen, die sich über die Dinge, die ihm in den Weg treten, auch Gedanken machen. Wir vier also haben allerhand erlebt, das ich Dir nun teilweise in der richtigen Reihenfolge aufschreiben will. Am ersten Tag staunte ich über den Karl. Als wir am Spätnachmittag immer noch kein Quartier finden konnten – es war nirgends ein Haus zu sehen – und schon ziemlich müde waren durch das Tippeln auf den aufweichten Wegen, da schwingt sich Karl auf zum Schrittmacher und läuft uns halb weg! – Wir schliefen übrigens immer in Scheunen oder auf Heuböden mit Ausnahme von Altastenberg, wo wir in der Jugendherberge pennten. – Am zweiten Tag aßen wir, durch einen Attendorner Bürger darauf hingewiesen, auf dem Hof des Grafen Spee. Das war ein riesiger Gutshof! Eine Masse schwarzer Schweine liefen auf großen Wiesen herum: eine besondere Züchtung, wie wir erfuhren. Sogar ein Esel war da. Auf dem großen Hof waren alle Handwerker vertreten. – Am dritten Tag unserer Fahrt kamen wir nach Fretter. Wir tippelten durchs ganze Dorf bis zum Hof des Herrn Rembergs. Ich kannte mich noch so ziemlich aus. Eine neue, große Scheune nimmt jetzt den Platz der alten ein. Sonst hatte sich

nichts verändert. Die alte Mühle – sie hat schon ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel – war immer noch in Tätigkeit; jetzt sogar Tag und Nacht. Alte Erinnerungen stiegen mir da auf von unserem ND.-Lager. Die alte Frau Remberg ist tot. Herrn Remberg kannte ich sofort wieder, während ich mich an seine Schwestern kaum zu erinnern wußte. Adolf R. fragte uns, ob wir für die Nacht bleiben wollten. Wir sagten nach kurzem Überlegen ja (Eigentlich hatten wir vor, am Nachmittag weiterzutippeln). Des Nachmittags gingen wir mit aufs Feld und halfen dabei, das Roggenfeld abzumähen und die Garben aufzustellen. Adolf Remberg fuhr mit dem Selbstbinder (hat nichts mit Krawatten zu tun!) und einer trieb von uns die Pferde an. Die anderen drei bauten die Garben auf. Es war sehr heiß an dem Nachmittag. Wir arbeiteten mit freiem Oberkörper. Die Nacht schliefen wir auf dem Heuboden. – Am vierten Tag hatten wir auch feines Wetter. Als wir morgens abhauten und allmählich aus dem Frettertal heraus auf die Höhen kletterten, konnten wir fein beobachten, wie sich in den Talkesseln die grauen Nebelmassen ballten und durcheinanderwogten. Die Grenze zwischen Nebel und klarer Luft zeignete sich klar ab. Allmählich stieg er höher. Ein feines Bild, das ich im Foto festhielt. – Am fünften Tag wurde es sehr heiß. Seit dem fetten Mittagessen, das wir in Niedersorpe bekamen, mußten wir immer bergauf steigen. Und das bei der Bullenhitze auf staubiger Landstraße! Aber: Uns kann keener, und nicht eener an de Wimpern klimpern! Es ging zum Kahlen Asten; das letzte Stück bei Altastenberg gingen wir über einen feinen Waldweg. Plötzlich lichtet sich der

Wald, und vor uns lag der höchste Berg des Sauerlandes. Aber wo war er denn? Die Berge waren ja fast alle gleich hoch! Wenn auf dem Kahlen Asten nicht ein Aussichtsturm wäre, hätten wir ihn kaum finden können. In Altastenberg wollten wir Quartier suchen. Aber wir hatten nicht daran gedacht, daß wir einen halben Kurort vor uns hatten. Nirgends konnten wir unterkommen. Wir waren schon drauf und dran, weiter zu tippeln. Da sah ich an einem Hause die Aufschrift: Jugendherberge. Wie das? Die Jugendherberge, ein ganz moderner, großer Bau, lag doch außerhalb des Ortes?! Quatsch, fragen kostet nichts. Also hin! Die Herbergsmutter war nicht da. Na ja, wir machten es uns häuslich bequem. Nachher kam sie .... und setzte uns an die Luft! Wir hatten nur einen Herbergsausweis bei uns. Doch Frauen haben ein weiches Herz. Sie holte uns wieder ’rein. Es war auch schon gegen 8 Uhr. Am Abend lernten wir einen Kölner kennen, ein lustiger Kerl. Er erzählte uns eine tolle Schmuggelergeschichte. Abends erzählten wir noch im Bett stundenlang, bis ½ 1 Uhr. Wir, d. h. der Kölner und ich, entdeckten so einige Parallelen an uns. Am anderen morgen besprachen wir unseren Fahrtenplan. Wir, der Kölner und wir vier, kamen überein, ein Teil des Weges zusammenzutippeln. Und das taten wir denn auch. Aber darüber das nächste Mal. für heute genügen 6 Seiten!

Frohe Grüße, Karl Heinz

Frohen Gruß Günter.