Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 30. November 1941
1. Adventsonntag. Essen-Steele, den 30. Nov. 41.
Lieber Gisbert!
Ich danke Dir für Deinen Brief. Es freut mich, daß Du so lang auf meinen Brief eingehst. Günter Gahlmann bestellte ich Deinen Gruß, und er grüßt zurück. Bezüglich der Bücher muß ich Dir mitteilen, daß ich mir wohl überlege, welche Bücher ich mir anschaffe. Die Bücher, die ich kaufte, werden später wohl fast alle nicht mehr zu haben sein (teilweise jetzt schon!). Deshalb sorge ich vor. Deshalb kommt es, daß ich ein Großteil meiner Bücher noch nicht gelesen bzw. durchgearbeitet habe. Es handelt sich ja hier hauptsächlich um religiöses Schrifttum, daß nach dem Kriege, davon kannst Du überzeugt sein, ganz vom Büchermarkt verschwinden wird. Übrigens ist es mit dem Bücherkauf jetzt bald alle, weil es nicht viel mehr gibt. Dein Hinweis auf Deine Bücher ist gut gemeint, und ich werde mir auch bei Bedarf das nötige Material von Dir leihen. Doch was wird, wenn Dich Dein Beruf von hier wegholt, und Du natürlich das Deinige mitnimmst? Ich bleibe ohne Bücher, die ich doch brauche, zurück. Deshalb, und nur deshalb sorge ich für einen eigenen Bücherbestand. Du darfst mir das nicht übelnehmen! – Übrigens, ist das Euer Schlagwort: „It is a long way“, oder wolltest Du mich bloß an vergangene Schulzeiten erinnern? – Und nun zu meiner Gruppenarbeit! Dasselbe, was Du mir schreibst, habe ich mir zu Anfang dieses Arbeitskreises vorgenommen: Den Jungen keine Bücherweisheit verzapfen, sondern echtes, lebendiges Leben geben. Das ist freilich nicht so einfach, gerade für mich, der ich gerne „philosophiere“. Aber Deine Zeilen sollen mich von neuem antreiben, die Jungen als Jungen und nicht
als Schüler zu betrachten. Deine Kartei werde ich wohl nicht benutzen können, da mir die Zeit fehlt, umfangreiches Material zu bearbeiten. Du schreibst, ich solle auf religiöses Schrifttum hinweisen. Man bekommt dergleichen ja nicht mehr. Ich leihe augenblicklich Bücher an die Kerle aus, und zwar die regelrechten Jungenbücher, die Du schon in der N.D.-Gruppe dazu verwandt hast (keine Sorge! An Deine Bücher vergreif’ ich mich nicht!), z. B. Die Rätsel von Katsch, Auto ohne Rücklicht, Wolf Hagenreuter, Kai aus der Kiste usw. Allmählich werde ich dann auf schwerere Literatur übergehen. Ich habe nämlich festgestellt, daß die Kerle manchmal einen Schund lesen, der einem über die Hutschnur geht. Es tut not, daß die Kerle gute Literatur in Händen gekommen. – Morgen abend halte ich einen Heimabend über die Erlösung. – Noch etwas zu meiner Schrift. Das ich eine solche Klaue habe, ist zum nicht geringen Teil darauf zurückzuführen, daß ich tagtäglich zig Kassenzettel hinschmieren muß. In den letzten Tagen habe ich pro Tag über hundert Kassenzettel ausgeschrieben! Und das muß alles rasend gehen. Das ist natürlich noch keine Entschuldigung. Aber ich habe immer eine schlechte Schrift gehabt. Vielleicht kommt es noch mit der Zeit ....
Heute nachmittag war die erste Adventspredigt für die Jugend des Dekanates Steele. An allen vier Sonntagen soll eine stattfinden. Es war eine über die kühnsten Erwartungen hinausgehende Beteiligung. Die Feier war gut aufgezogen. Ein Kaplan aus Rellinghausen hält die Predigten. Die erste war wirklich gut. Ich glaube, es hat jeder etwas davon mit nach Hause genommen. –
Und nun will ich fortfahren in meinem Fahrtenbericht. Wir waren also in Altastenberg in der Jugendherberge. Morgens tippelten wir denn mit dem Kölner los. Er hieß Ferdinand Rieck, ließ sich jedoch mit seinem Dichternamen Fox Reiner anreden. Wieso „Dichternamen“? wirst du fragen. Ja, unser Freund, übrigens 32 Jahre alt, war so nebenbei Dichter von tollen Geschichten. Wahrscheinlich in der Art des Jak London, der z. B. „Abenteuer des Schienenstrangs“ schrieb. Wir bekamen viel Spaß zusammen, und es kam ein neuer Schwung in uns. Wir tippelten an dem Tag ca. 40 km, nämlich bis kurz vor Eslohe. Das klappte auch nur mit Musik, denn Fox brachte uns mit der Schnuffelrutsch in einen flotten Schritt. Wir waren freilich abends ziemlich fertig. Am nächsten Tag blieben wir auch noch zusammen, und erst am dritten Tag nach Altastenberg trennten wir uns unterwegs, da Fox mit der Eisenbahn weiter nach Köln mußte. Er hatte uns versprochen, uns einige Bücher leihweise zuschicken. Inzwischen hat er sein Versprechen eingelöst. Wir bekamen folgende Bücher zugeschickt: „Die Regentrommel“, „Sechs Jungen tippeln nach Indien und zum Himalaya“, „Tiergeschichten“ von Manfred Kyber (Du kennst das Buch!), außerdem einen Fahrtenschrieb „Bilder der Südfahrt“ von Fox Reiner, und neuerdings ein feines Fotobuch von den Dolomiten. Die Bekanntschaft hat sich gelohnt! Die Bücher habe ich übrigens nicht von Fox Reiner selbst bekommen, sondern sie wurden mir aus dem Schwarzwald zugeschickt. Sie wandern von Hand zu Hand. Den Schriftwechsel mit Fox und seinen Freunden bewahre ich auf, weil er
interessant ist. Interessant ist überhaupt der ganze Fox. Ich werde Dir später einmal von ihm erzählen. Wir erlebten in den letzten Tagen unserer Fahrt noch allerhand. Etwas ist noch bemerkenswert: Am neunten Tag unserer Fahrt waren wir morgens schon vor ½ 7 Uhr unterwegs! Wir hatten uns schon immer vorgenommen, einmal ganz früh loszutippeln. Wir waren noch vor Mittag in Arnsberg. Dort spazierten wir am Nachmittag herum. – Ich hatte eine Reihe Filme mit auf Fahrt genommen, und kräftig geknipst. Teilweise sind mir sehr feine Aufnahmen gelungen. Ich werde sie Dir später einmal zeigen. – Abschließend kann ich nun feststellen, daß wir eine feine Fahrt gemacht hatten. Hoffentlich gönnen mir die Götter im kommenden Jahr auch einen solch feinen Urlaub. Mein Tagebuch wird erst in unbestimmter Zeit fertig. Bis Du in Urlaub kommst, ist es jedoch fertig. – Übrigens, ich schrieb Dir davon, daß ich immer schwimmen gehe. Mir ist es gelungen, einen neuen Rekord im Weittauchen zu erzielen: 30 m. Den Salto rückwärts vom Sprungbrett (1 m) bekomme ich nun auch sauber hin. Vielleicht werde ich noch mal Olympiasieger! – Bei dem Wettwerb im „Sprachrohr“ (Mitteilungsblatt der Fa. Scheepers) erhielt ich den 7. Preis, der 5 RM betrug.
Dir einen frohen Gruß,
Karl Heinz
Herzl. Gruß Mutter. Anbei ein Artikel über Hölderlin, der Dich interessieren wird.