Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 7. Dezember 1941

Lieber Gisbert!

Zunächst wünsche ich Dir alles Gute zum Jahreswechsel. Möge Gott Dir auch im kommenden Jahr seine Gnade schenken. Hoffentlich bringt es uns den ersehnten gerechten Frieden.

Am letzten Mittwoch sah ich den Film: „Ich klage an“. Er war hochinteressant. Die Filmschauspieler spielten dem Sinn entsprechend wirklich gut. Als ich aus dem Kino herauskam und wieder einen klaren Kopf hatte, waren meine Gedanken etwa folgende (Ich baue sie nun noch etwas aus): Am Ende des Films sagt der Forscher: „Und nun urteilen Sie!“ Ich habe dies’ als an den Zuschauer gerichtet aufgefaßt! In dem Film wurde alles getan, was Filmkunst überhaupt auf die Beine bringen konnte, um die Tat des Helden zu rechtfertigen und dem Zuschauer die Überzeugung beizubringen, daß die Auffassung dieses Films die einzig richtige und die alte überholt und falsch sei. Um das möglichst überzeugend zu gestalten, ließ man auch Gegenspieler auftreten, die sich ganz für ihre Überzeugung einsetzten. Ganz? Ich mußte feststellen, daß dies’ nicht der Fall war. Wo blieb die konsequente Haltung der Geschworenen, die die Tat verurteilten? Selbst die unabänderliche Haltung des prakt. Arztes (des Freundes des Forschers) war hohl und scheinbar. Die Gegner der Filmidee wurden sogar ins Überholte, fast lächerliche gezogen. Ich erinnere an die 7.[=?] Szene während der Gerichtspause, als ein Geschw. sagte: „Das ist schwere Sünde!“ Das Filmpublikum hat für den Tropf nur ein Lachen übrig! – Der Film ist selbstverständlich voll Tendenz. Aber könnte man ihn denn neutral gestalten? Ich glaube nicht! Es ist unmöglich, die Auffassung vom Leid und Tod vom christlichen Standpunkt aus richtig im Film darzustellen, da es sich ja teils nicht um greifbare, sichtbare Dinge handelt, die sich darstellen lassen!

Ich gebe Dir darin vollkommen recht: Wahres Christentum kann man nicht verfilmen! – Zur Haltung zum Leid: Die einzig richtige Haltung zum Leid ist nicht die Erlösung von ihm, sondern seine Duldung. Diese Auffassung hat im Christentum seine Wurzel, und die Frage um das Leid ist von keiner anderen Religion richtig gelöst (selbst vom Buddhismus nicht). Auch das Urteil über Tod und Leben eines Menschen darf nicht von Menschen ausgesprochen werden, wenn es sich nicht um die Ahndung eines Verbrechens handelt durch das Gericht. Gott hat das Leben gegeben, er wird es auch nehmen! Sich das Leid zu verkürzen, hieße Gott für eine Wachsfigur halten! – Der Film wird leider von 99 % der Zuschauer als richtig empfunden; seine Lösung ist ja auch einfacher als die des Christentums! – Heute morgen hörte ich, daß Kaplan Wiesdorf vom Kölner Jugendseelsorgeamt mit 3000 RM Strafe belegt wurde, weil er in Solingen über den Film „Ich klage an“ unter Benutzung von Teilen aus den Predigten des Bischofs von Münster, von Gahlen, der bekanntlich gesalzene Predigten hält, vor Jungen gesprochen hatte, die anscheinend nicht dichthalten konnten. -

Ich soll Dich von „Nikolaus“ Richard Reifenscheid grüßen. -

Heute war wieder die Feierstunde für die Jugend. Die Predigt war wieder sehr gut. Vorigen Sonntag sprach der Kaplan über das Suchen nach Gott und von der Unruhe zu ihm. Heute schnitt er das Thema: Junge – Mädchen an. Nächsten Sonntag kann ich leider nicht zur Predigt gehen, weil ich arbeiten muß (Geschäftsoffener Sonntag).

Dir einen frohen Gruß,

Karl Heinz