Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, Dezember 1941

Im Advent 1941

Mein lieber Bruder!

Noch stehen wir an der Schwelle des neuen Kirchenjahres. Gerade hat der Advent begonnen, die schönste Zeit im Laufe des Kirchenjahres. Sie drückt so recht unser ganzes Sehnen aus nach Gott. Sind wir doch alle auf dem Wege zu ihm, dem unfaßbar Großen. Wie seit Urzeiten die Völker zu ihm riefen, so singt auch heute die Kirche in den feinen, alten Adventsliedern wieder: Tauet, Himmel, den Gerechten! Wieder ist die Erde ein großer Aufschrei aus der Not, die Georg Thurmair fein schildert:

„Der Satan löscht die Lichter aus und läßt die Welt erblinden;
wir suchen einen Weg nach Haus und können ihn nicht finden.
O Heiland, komm, o komm geschwind! Du bist den Schiffen Weg und Wind,
du läßt uns heimwärts finden.
Die Menschen treiben arge List und sinnen viele Lügen.
Wir suchen den, der Wahrheit ist, uns seinem Wort zu fügen.
O Heiland, komm, o komm herzu! Du bist die Wahrheit und die Ruh, du läßt uns nicht betrügen.
Das Leben ist nicht liebenswert in diesen bösen Zeiten.
Wir suchen den, der niederfährt, ein Reich sich zu bereiten.

O Heiland, komm, o komm herbei! Du bist das Leben.
Mach uns frei
für deine Seligkeiten!“

Doch während unseres Lebens steht uns immer die Ankunft unseres Erlösers vor Augen. Wir wissen, daß der Advent nur Wegbereiter ist für den König der Welt.

Wenn Du diesen Brief liest, ist der Advent bereits vorbei. Es ist Weihnacht! Ein Wort, das eine Gnadenfülle in sich birgt. Unser Erlöser wurde geboren aus Maria, der Jungfrau. Wer kann dieses Geschehnis ganz ermessen?

Ich wünsche Dir zum Fest der Geburt unseres Herrn, daß Dir Gott seine Gnade in Fülle schenken möge. Mein Gebet trage dazu bei.

Als ein kleines Geschenk mögest Du zum Fest der Freude von Deinem Bruder zwei Büchlein annehmen:

„Zeugnisse deutscher Klassiker für das Christentum“ von Dr. Th. Deimel. „Isolde Kurz (Dank an eine Frau)“ von Otto Ernst Hesse. Falls Du sie im Feld gebrauchen kannst (kleine Formate), schreibe mir bitte, daß ich sie Dir schicke.

Also nochmals: ein recht frohes Weihnachtsfest!

Dir einen frohen Gruß,
Karl Heinz