Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 14. Dezember 1941

„Gaudete!“ 3. Adventssonntag

Lieber Gisbert!

Zunächst, damit ich es nicht vergesse, soll ich Dir einen Gruß von Herbert Weise bestellen, der immer noch in der Krayer Flakkaserne liegt. -

Der Weltenbrand des Krieges greift immer mehr um sich. Japan befindet sich mit U.S.A. im Kriegszustand, auch Deutschland und Italien erklärten den Krieg an die U.S.A. Die Südamerikanischen Staaten machen mit und die Philippinen. Es wird immer toller. Die Japse gehen freilich ran wie ein Stier, der das rote Tuch sieht. Es ist ein phantastischer Kampf, in dem niemand Sieger ist, alle aber besiegt werden! Ein unendlich scheinendes Morden und Zerstören und Vernichten! Und wer ist der Anstifter all dieses elenden Kampfes? Die Plutokraten, Churchill, Roosevelt, die Juden, die Bolschewiken? Keiner und alle. Deutschland hat genau so Schuld am Krieg wie alle anderen Länder! Überhaupt jeder Mensch! Herr, gib uns wenigstens den inneren Frieden, den Frieden, den die Welt nicht geben, aber auch nicht nehmen kann! .... Man kann verrückt werden in diesem Durcheinander! Welten stehen Kopf, nicht nur im Weltgeschehen. Wo man hin sieht, stehen verwirrte Menschen, die nicht wissen, was sie tun! Man kennt sich selbst nicht mehr. Im Beruf wird man verrückt gemacht, ohne daß man es will! Wer will da noch klaren Kopf behalten, wenn die Leute einen bestürmen und kaufen, was sie in die Hände bekommen, schlimmer als beim Ausverkauf! Und ich selbst? Alles geht

drunter und drüber. Es fehlt einem etwas: Ruhe, Stille, Schweigen. Nur die nihilistische Nacht bringt ein wenig davon, wenn nicht Träume sie wirr zerreißen. Ich sehne mich nach Stille... und doch weiß ich, sie kommt heut’ nur noch selten zu den Menschen. Sie selbst haben sie ja mit ihrem Lärm vertrieben. Sogar in der Kirche fehlt sie mir oft, ohne die aber kein Hören Gottes, kein Sprechen mit ihm möglich ist. Heute beneide ich die Mönche und Einsiedler – früher verstand ich ihr Tun nicht -, die in der Stille und im Schweigen sich in Gott fanden... Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir, Gott. Herr, laß meine Unruhe eine heilige sein, ein Trieb von Dir, dem Unendlichen und Unaussprechlichen und Ewigen! Amen! -

Ich bin mir selbst durchgegangen! Aber ich weiß, Du verstehst mich.

Die „Neue Saat“, die ja ihr Erscheinen wegen „Papiermangels“ einstellen mußte, sendet ein Inhaltsverzeichnis auf Verlangen zu. Ich hatte es angefordert. In der letzten Nummer stand ein Wort von Hans Carossa zum Abschied, daß ich Dir wiedergeben will:

Der Acker der Zeit wird mit scharfer Pflugschar gepflügt; wohin wir schauen, sind aufgeworfene Schollen. Doch hart ist das Erdreich, - ob ihm unsre Keimkraft genügt? Still, sorgen wir nicht, wohin wir gesät werden sollen! Wer weiss es denn, ob er nicht Keim für künftigen Stern ist? Machen wir selbst uns nur dichter und wahrer und neuer, dass alles in uns vergehe, was nicht ganz Kern ist! Und wenn uns das Erdreich nicht löst, so löst uns das Feuer.

Dir einen frohen Gruß

Karl Heinz