Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 18. Januar 1942

18. Januar 1942

Liebe Gisbert!

Heute morgen wurde in der Kirche ein Hirtenschreiben des Kapitularvikars David vorgelesen, das die Auflösung des Priesterseminars in Bensberg betraf. Bekanntlich wurde dieses Haus, das von den Opfern der Erzdiözese erbaut wurde, vom verstorbenen Kardinal Schulte der Wehrmacht als Lazarett mit dem alten Personal zur Verfügung gestellt. Im Frühjahr des vorigen Jahres erschien unerwartet die Gestapo und erklärte das Priesterseminar als „von der Polizei sichergestellt“, d. h. die Erzdiözese hatte ihr Eigentumsrecht daran verloren. Trotz aller Bemühungen des Kapitularvikars, den Grund dieses Vorgehens zu ergründen, wurde ihm keine schriftliche Nachricht zuteil. Nun erhielt er ein Schreiben, in dem ihm Mitteilung zuging, daß nach dem Gesetz zur Einziehung der Güter von Volks- und Staatsfeinden vom X.X.1933 das Priesterseminar wegen volks- und staatsfeindlicher Betätigung der Insassen das Institut mit dem Grundbesitz in die Hände des Staates übergehe! Man stelle sich das einmal vor! Unsere Priester Volks- und Staatsfeinde!

Das Spruchblatt, von dem ich im letzten Brief schrieb, sende ich Dir erst jetzt mit. Mutter hatte den Brief so unerwartet abgeworfen.

Übrigens ist Jupp Stemmrich, den Du ja von Hamm her kennst, schon seit einiger Zeit beim Kommiß.

Ich soll Dir noch eine Reihe Grüße bestellen, u. a. von Heinz Sponnheuer und Familie Eyting.

Mutter meint, warum ich nichts von Dir selbst schriebe. Ich denke in dieser Beziehung genau so wie Du, daß der Soldat nicht bemitleidet, sondern geachtet werden will. Du kannst

sicher sein, daß mich Dein Schicksal nicht kalt lässt, wenn es auch manchmal so aussieht. Ich bete jeden Tag inständig zu Gott, daß er Dir die Fülle seiner Gnade zukommen lasse. -

Herr Vikar Hut rechnet jeden Tag mit seiner Einberufung. Dann wird es wohl in unserer Pfarre noch mehr schief laufen.

Ich konnte das Buch von Pieper „Traktat über die Klugheit“ für Dich ergattern.

Es sieht so aus, als ob ich noch in diesem Frühjahr eingezogen werden soll. Ich hörte von einem Kollegen, daß sein Freund vom Jahrgang 24 den Gestellungsbefehl bekommen hätte. Augenblicklich werden wieder große Massen eingezogen. In ganz Deutschland beläuft sich die Zahl der Einberufungen auf 2 Millionen, in Essen auf 60 000 (10 % der Bevölkerung!) Menschen, von denen hier 15 000 bis jetzt eingezogen wurden! Noch ein paar Zahlen: Die Reichsbanknotenmenge ist von 3,3 Milliarden im Januar 33 auf über 18 Milliarden in diesen Tagen gestiegen. Die Reichsschuld, die zu Beginn des Krieges um 37 Milliarden herum schwankte, ist auf über 130 Milliarden gestiegen.

Ich habe einige Aufnahmen gemacht. Sie sind noch beim Fotograf. Ich schicke Dir die Bilder mit dem nächsten Brief. Sie zeigen unsere Gestalten im Steeler Schnee.

Soweit die Nachrichten des drahtlosen Dienstes!

Frohen Gruß, Karl Heinz