Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 25. Februar 1942

Essen-Steele, den 25. Februar 42

Lieber Gisbert!

Heute morgen bin ich gemustert worden. Fast vier Stunden hatte die Angelegenheit gedauert. Es war halb so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte. Das Ergebnis war: zeitlich untauglich! Ich werde bis zum 30.VI. wegen meiner Nierengeschichte zurückgestellt und dann noch einmal nachgemustert. Beim Kommiß bekommt man alles beigebracht, sogar, daß man ein Krüppel ist mit gesunden Knochen. Na ja, mir soll es nur recht sein, wenn ich noch etliche Male zurückgestellt werde! – Es hat sich herausgestellt, daß der Brief von Werner Mölders an den Stettiner Probst gefälscht ist! Hans Schocke erzählte mir, er habe schon gleich gestutzt, als er den Brief gelesen habe. Denn ein normaler Katholik, selbst wenn er sehr religiös sei und in der neuen Jugendbewegung mitgearbeitet habe, würde solche rein-teologischen Sätze nicht schreiben. Obwohl dieser Einwand noch nicht beweiskräftig genug war, haben sich die Bonner Theologen an Köln gewandt, das seinerseits sich mit dem Stettiner Probst in Verbindung setzte. Dieser nun antwortete, er habe mit Werner Mölders nie in Briefwechsel gestanden! Unter einer Reihe Abschriften dieses Briefes war sogar der Name und die Feldpostnummer eines Feldgeistlichen angegeben, der für die Echtheit des Briefes bürge. Auch das stimmte nicht. Der Feldbischof ist der Angelegenheit nachgegangen und hat sie als Fälschung festgestellt. Inzwischen hat auch der „Kirchliche Anzeiger“ den Brief W. M. als gefälscht bezeichnet. Wer die Fälschung begangen hat, weiß man nicht. Es steht jedenfalls fest, daß der Betreffende, selbst wenn er eine gute Absicht hatte, unserer Sache nur geschadet hat. Da der Brief schon überall ver-

breitet worden ist, kann daraus noch eine tolle Affäre werden. Ich bitte Dich, falls Du den Brief schon weitergegeben hast, auch obige Meldung weiterzugeben, damit der Knall nicht zu groß wird.

Und nun wünsche ich Dir baldige Gesundung!

Frohen Gruß, Karl Heinz

Lieber Gisbert! Was sagst Du nun zu dem Ergebnis der Musterung von Karlheinz? Günter meinte da würde er womöglich im nächsten Jahr wegen seiner damals festgestellten Herzerweiterung auch zurückgestellt werden. Für Deine Karte vom 20. und den Brief vom 22. besten Dank. Hoffentlich hast Du die Briefumschläge nun endlich bekommen und auch die Pakete. Heute rief Dr. Gaillard an. Es war ein Päckchen mit Büchern für Dich zurückgekommen und will er es nun nach Neuruppin nachschicken. Klaus schrieb auch und fragt immer nach Deiner Adresse. Hast Du ihm mal geschrieben. Es ist dort alles so vereist, daß keine Schiffe fahren und an Urlaub immer noch nicht zu denken ist. Hast Du Herrn Vicar Holtmann geschrieben? Gestern und heute kamen weder Briefe noch Päckchen aus Rußland zurück, doch wird wohl bald wieder was antrudeln und schicke ich Dir demnächst eine gute Flasche Weißwein mit. Tt. Aloysia schrieb auch, daß sie ein Päckchen u. Brief von Rußland für Dich zurückbekommen habe. Schrieb ich Dir schon, daß der alte Herr Schons, 59 Jahre, gestorben ist? Er wurde vorgestern begraben. Kommen dort auch die Flieger? Sie machen sich jetzt wieder öfters bemerkbar. Nur hat der Wehrmachtspfarrer doch nicht Wort gehalten. Ich finde daß nicht schön. Es sind doch 2 Geistliche dort. Wenn Du noch immer liegen mußt wird es gewiß Pfingsten bis daß Du in Urlaub kommst. Hat Karlheinz Dir geschrieben, daß die Madonna von Cranach seit Weihnachten als Pieper Druck in unserem Wohnzimmer hängt zwischen unsern Ahnen. Für heute herzl. Grüße und behalte frohen Mut. Deine Mutter!

Gestern war ich zum 1. Male diesen Winter mit Vater im Theater Kinder auf Zeit. Es war ein modernes überspanntes Stück, das uns nicht gefallen hat, dabei Seifenschlager.