Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 5. März 1942

Essen-Steele, den 5. März 1942

Lieber Gisbert!

Gerade kommt mit der Abendpost eine Karte von Deiner früheren Feldpostnummer 20413 B, auf der zu lesen ist, daß Du das E.K.II. verliehen bekommen hast und befördert worden bist. Ich gratuliere Dir! Die Karte lege ich bei.

Du weißt bereits, daß ich zeitlich untauglich geschrieben wurde wegen meiner Nieren. Am Montag war ich zum Nieren- und Blasenspezialisten Dr. Wilke, der mich aber nach kurzer Untersuchung an den Hals-, Nasen- und Ohrenarzt Heckschen verwies zur Untersuchung. Dieser stellte nun fest, daß an meinen Mandeln Wucherungen waren, die weggeschnitten werden mußten, denn das hängt wahrscheinlich mit meiner Nierenkrankheit zusammen. Heute morgen wurde ich operiert, ohne Narkose! Gottseidank dauerte es nur ein paar Minuten, aber die genügten voll und ganz! Nun „feiere“ ich bis Montag krank. Ich bin ja ’mal gespannt, ob denn damit die Nierengeschichte beseitigt ist. Schmerzen habe ich kaum, kann aber schlecht schlucken.

Und nun danke ich Dir herzlich für Deinen Brief. Du hast mir ja gründlich den Kopf gewaschen, aber Du hast recht! Daß ich den Adventsbrief so düster schrieb, lag wohl zum Teil an meiner derzeitigen Verfassung. Man hat manchmal so Stimmungen .... Und bezüglich der kopfstehenden Welten: Du kannst Dir kein Bild davon machen, was heute ein Verkäufer Nerven haben muß, wo er oft der Blitzableiter für überreizte Menschen ist. Aber mit der Zeit lernt man es auch, halb verrückte Menschen abzuregen. Man muß freilich manches Stück Selbstbeherrschung dabei zeigen. Wenn Du aber glaubst, ich lasse mich von „konfusen Leuten anstecken“, so bisst Du schwer im Irrtum! Und verzagen? Ich meine doch, daß Du mich kennst! – Und die ersehnte Stille wurde mir jetzt sogar für ein paar Tage geschenkt. Ich werde die Zeit nützen und auskosten. – Was Du mir sagst von meinem Verhältnis zu Mutter, ist mir nicht neu. Wenn ich nach außen hin auch oft grob und unwillig bin, so liebe ich Mutter doch sehr. Ich bemühe mich auch schon lange darum, ein besseres Verhältnis

zu schaffen. Doch hatte ich anscheinend den Hebel nie an der richtigen Stelle angesetzt. Nun aber glaube ich zu wissen, wo der Fehler steckt: er liegt in meinem falschen Stolz. Es ist jener Stolz, von dem alle Sünde ausgeht, der Stolz, den schon der erste Mensch in sich trug, der ihn zum Fall brachte. Es gibt einen guten Stolz, den Stolz der Gotteskindschaft; doch diesen vernachlässigte ich und setzte an seine Stelle den Stolz der Unbeugsamkeit, den Stolz, der das Ich so gern glänzen sieht im Licht der Welt, im Irrlicht. Dies ist mir in letzter Zeit langsam aufgegangen, und ich weiß nun, was mir fehlt: die rechte Demut und der Dienmut. Ich bete jeden Morgen zur Gottesmutter, daß sie mir helfe, so demütig zu werden, wie sie es war. Mit dieser Bitte ist das Ziel ausgesprochen, das ich mir für die nächste Zeit gesetzt habe. Ich weiß um die Schwierigkeiten, die mir auf diesem Wege begegnen. Ich weiß, daß ich mein Ziel nicht im Sturmschritt, sondern in mühevoller, zäher Arbeit nur erreichen kann. Ich habe aber den ehrlichen Willen, mich dafür zu bezwingen, und ich weiß, daß

ich nicht allein stehe. Die Gottesmutter wird mir helfen, und ihr Sohn, unser Herr, der der Jugend in diesem Jahr ganz besonders als Vorbild hingestellt ist, ist mir auf dem Weg schon vorangegangen, so daß ich ihm nur folgen brauche. Gedenke Du meiner in Deinem Gebet, wie ich auch Dein gedenke, lieber Bruder!

In der Jugendarbeit in der Pfarre arbeiten wir augenblicklich an dem Aufbau einer neuen Gruppe von Schulentlassenen. Hoffentlich klappt alles so, wie es geplant ist.

Die Bücher der Buchgemeinde sind noch nicht geliefert worden, doch hoffe ich, daß sie in nächster Zeit hier eintrudeln.

Von den beiden russischen Büchern ist eines bestellt worden; das andere ist nicht mehr lieferbar.

Deinen Gruß an Hans Schocke kann ich nicht mehr weitergeben, da Hans heute nach Köln-Kalk gefahren ist. Dort muß er in einer Pfarre als Kaplan aushelfen, da der Pfarrer krank ist. Er hat ja sein Studium beendet.

Frohen Gruß Karl Heinz