Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 2. Mai 1942
Essen-Steele, den 2. Mai 1942
Lieber Gisbert!
Wie Dir wohl bekannt ist, ist der 1. Mai – besser: den Feiertag – auf den Samstag verlegt worden, damit nach dem Wunsch des Führers das Volk sich ausruhe. Dadurch komme ich in den Genuß zwei arbeitsfreier Tage, ein kleiner Urlaub! Ich bekomme ja, seitdem ich 18 Jahre bin, keinen freien Nachmittag mehr in der Woche, weshalb einen das besonders freut. Am 31. April konnte ich mein erstes Verkäufergehalt einkassieren: 65 Eier sollten es sein, doch hat man mir diesen Betrag um 11,4 % Abzüge = 7,42 RM gekürzt. Es wird Dich interessieren, daß ich zwei neue Werke des Zigaretten-Bilderdienstes bestellte: „Deutsche Märchen“ und „Tiere unserer Heimat“.
Ich soll Dir einen Gruß vom Stachn bestellen. Er liegt jetzt in Holland.
Augenblicklich wird hier stark für die Waffen-SS geworben. Man bestellte sich die Lehrlinge zum WBK. und wollte sie dort fertig machen,
sich freiwillig zur Waffen-SS zu melden. Günter und ich bekamen Werbeschreiben. Die Waffen-SS wird stark vergrößert; zu welchem Zweck, das kannst Du Dir wohl denken. Ich vermute, daß man nächstens einfach Leute zur Waffen-SS einziehen wird, die sich garnicht freiwillig gemeldet haben.
Ich traf vor kurzem Willi Scholten, der am Kotten auf mich gewartet hatte, um etwas von Dir zu hören. Ich gab ihm Deine neue Anschrift. Ich soll Dich grüßen.
Und nun grüße ich auch ich Dich herzlich,
Dein Bruder Karl Heinz
Vater und Mutter lassen grüßen.
Lieber Gisbert!
Gestern abend haben wir vom Betrieb den 1. Mai gefeiert und war es sehr gemütlich. Hoffentlich bekommst Du bald Urlaub. Ich bin seit vorige Woche bei Kaß in Gelsenk. Kalkulator geworden. Ich muß Telefongespräche annehmen und Rechnungen kalkulieren. Toffte hingekriegt was! Einen frohen Gruß von d. Br. Günter.