Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 9. Juli 1942

Essen-Steele, den 9. Juli

Lieber Gisbert!

Du bist mir der Richtige! Ich soll Dir schreiben, aber Du schreibst mir nie. Von anderen Soldaten erhalte ich lange Briefe und beantworte sie in entsprechender Länge, deshalb kommst Du erst jetzt dran.

Du brennst ja darauf, etwas von Köln zu hören. Nun, so will ich Dir eine Kostprobe geben. Das andere erzähle ich Dir, wenn Du in Urlaub kommst.

Die Züge, die in Richtung Köln fahren, waren brechend voll. Alle kannten nur ein Ziel: den Dom. Schon seit 7 Uhr standen die Leute Schlange. Es waren hauptsächlich Jugendliche. Als um ½ 9 Uhr die Geistlichen aus dem Dom herauszogen, um den Erwählten mit seinen Konsekratoren abzuholen, waren wohl ca. 25 000 Menschen im Dom. Ab und zu wurde in irgendeiner Ecke des Domes ein Lied angestimmt, das dann alle sangen, so „Ein Haus voll Glorie schauet“ und andere. Um 9 Uhr begannen die Domglocken feierlich zu läuten. Dumpf dröhnte der Klang der „Deutschen Glocke“ durch das Gotteshaus. Als die Spitze der zurückkehrenden Prozession die Pforte durchschritt, brauste die Domorgel auf, Scheinwerfer strahlten die Säulen der Vierung an und verwandelten die Dämmerung in strahlende Helle. Die Menschen sprangen auf die Bänke, um den einziehenden neuen Bischof zu sehen. An den Säulen standen Jungen und Mädchen auf den Sockeln, an den Scheinwerfern hingen sie, am mit Sandsäcken verbarrikadierten Chorgestühl turnten sie empor. Fortsetzung folgt.

Feldpostbrief (Essen-Steele 10.7.42.)

Fortsetzung 9.VII.

II. Alles wollte ihn sehen, den neuen Oberhirten. Klein ist er von Gestalt, mit abgezehrten Wangen. Mit seinen Konsekratoren, dem Nuntius Orsenigo und den Weihbischöfen Stockums und Hammels, schritt er zum Sakramentsaltar zur Anbetung. – Mehr erzähle ich Dir im Urlaub!

Vor 10 Tagen hatte ich mit zwölf Mann meiner Gruppe eine Fahrt gemacht. Wir waren den ganzen Sonntag im Asbachtal. Dort machten wir zwei Geländespiele und einige Wettkämpfe. Es war eine zackige Angelegenheit.

Am nächsten Sonntag kommt der Erzbischof nach Essen. Nachmittags wieder zu den Eltern in der Münsterkirche sprechen. Abends liest er mit der Essener Jugend in der Engelbertkirche eine Gemeinschaftsmesse. Da ich in der Schola bin, stehe ich im Chor ziemlich nahe am Altar. Einen besseren Platz kann man garnicht haben. Anschließend an die Messe spricht der Bischof in der Unterkirche von St. Engelbert zu 200 Jungmännern und 300 Jungfrauen. Zu dieser Junghelferversammlung gehe ich auch. So werde ich dafür entschädigt, daß ich in Köln nicht viel vom Bischof sah.

Hoffentlich kommst Du bald in Urlaub. Vorläufig wirst Du nichts mehr von mir hören, denn ich habe meine Freizeit sehr knapp.

Frohe Grüße, Karl Heinz