Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 4. Oktober 1942
Essen-Steele, den 4. Oktober
Lieber Gisbert!
Mein Prüfungsergebnis hat Mutter Dir ja schon mitgeteilt. Ich habe mich sehr darüber gefreut, daß ich so prima abgeschnitten habe.
Und nun will ich Dir von unserer Wallfahrt berichten. Morgens um 4 Uhr kamen die ersten Jungen zum Steele-West-Bahnhof. Wir fuhren nach Köln, von wo aus wir die Straßenbahn bis Bergisch-Gladbach benutzten. Hier setzten wir uns in Marsch. Der Morgen war frisch, in den Tälern hingen noch Nebelfetzen. Der Tag versprach, schön zu werden. Unsere Schar zählte 21 Köpfe, 19 Jungen und 2 Mädel; ein wilder Haufen! Die Landstraße führte uns durch eine feine Landschaft, in der sich Wälder, Wiesen und Felder abwechselten. Fröhlich zogen wir ins Dhünntal und erreichten kurz vor 10 Uhr Altenberg. Über die Häuser hinweg sah der Dom in Land. Noch ein paar Schritte, und wir standen auf dem Domvorplatz. Einige Jungen gestanden mir später, daß sie vom Dom enttäuscht worden wären; sie hätten
sich ihn wuchtiger und größer vorgestellt. Sie hatten wohl geglaubt, einen zweiten Kölner Dom zu finden, vor dem sie noch vor 3 Stunden gestanden hatten. Wir traten in das Gotteshaus und feierten in heiliger Gemeinschaft das Meßopfer mit dem Priester. – Am Nachmittag – es ging auf 2 Uhr zu – fanden wir im Wald eine Stelle, von der aus man einen feinen Blick auf den Dom hatte. Dort stellten wir uns im Kreis auf und beteten zur Gottesmutter den Altenberger Rosenkranz. Dann gingen wir zum Dom, knieten vor der Madonna und flehten um ihre Fürsprache. Wir beteten füreinander, für unsere Gemeinschaft, besonders für Euch Soldaten, die Ihr im Geiste mit uns zusammen waret. Unter dem Bilde der Madonna von Altenberg brannte an diesem Tag unsere Kerze als Zeichen unserer Gemeinschaft. Wir beteten auch für unser Volk und Vaterland zum Erzengel Michael, daß er uns führen möge aus aller Notzeit.
Anschließend an unser Beten gingen wir durch den Dom. Die alten Fenster sind fast alle herausge-
nommen und durch einfaches Glas ersetzt worden. Dadurch war es sehr hell im Dom. Es waren auch noch andere Sicherheitsmaßnahmen getroffen worden, um die wertvollen Kunstschätze vor Feindeinwirkung zu schützen. Die wunderbare, feingliedrige Architektur aber konnte man nach wie vor bewundern. – Nachher zogen wir in den Wald und machten ein feines Geländespiel. Am Spätnachmittag zogen wir nach Burscheid. Von der emporkletternden Straße aus hatten wir einen feinen Blick ins Dhünntal, wo mitten im Wald der Dom lag. Von Burscheid aus fuhren wir nach Hause und kamen nach einer lustigen Fahrt gegen ½ 12 Uhr dort an.
Deine Fotografie haben wir bekommen. Sie sieht mir nach Retusche aus! Übrigens habe ich in Altenberg eine Reihe Aufnahmen gemacht. Ich habe die Negative schon gesehen. Sie sind teilweise ganz gut geraten. Die Abzüge werde ich wohl nicht mehr zu sehen bekommen, da ich mit baldiger Einberufung
rechne. – Heute gehe ich in die Oper „Fidelio“. Der erste Kunstgenuß dieser Art in der neuen Spielzeit!
Du fragst nach Hans Schocke. Seine Anschrift lautet: Eitorf/Sieg, Schöllerstr. 8. Rundbriefe schickt er keine mehr. Er ist augenblicklich stark überlastet und läßt nichts mehr von sich hören. Vor kurzem war er hier, doch habe ich ihn nicht getroffen.
Du wunderst Dich über die späte Gotik in Danzig. Ich kann mir denken, daß es lange Zeit dauerte, bis dieser Stil aus dem Westen zum Osten kam, und daß er sich dort länger hielt als in den westlichen Gebieten, wo neue Einflüsse sich auswirkten. – Ich beneide Dich um den Kunstgenuß der Orgelkonzerte in St. Marien, deren Du ja schon eine Reihe gehabt hast.
Dir einen frohen Sonntagsgruß,
Dein Karl Heinz