Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 10. Oktober 1942

Essen-Steele, den 10. Oktober

Lieber Gisbert!

Gestern habe ich das letzte Mal am Kotten gearbeitet. Mein Chef gab mir abends das Lehrzeugnis. Er sagte, es sei das Beste, was er bis jetzt ausgeschrieben habe. Ich lege eine Abschrift bei.

Die letzten Tage gehen dahin mit Ordnen und Aufräumen. Ich möchte meinen Kram „in Schuß“ haben. Es ist ein seltsames Gefühl, nun in ein ganz neues, unbekanntes Leben hineinzugehen. Ich hoffe aber, daß ich auch dieses meistern werde, wie ich mein bisheriges Leben gemeistert habe. Es gilt, einen scharfen Schlußstrich zu ziehen, und nur das mit in den neuen Abschnitt zu nehmen, was sich im alten bewährte. Alles andere muß abgestreift werden. Es ist, wie wenn ein Schmetterling seine Puppe verläßt, um in sein eigentliches Leben zu fliegen. Nur mit dem Unterschied, daß mir nicht so rosige

Dinge begegnen werden wie diesem.

Schade ist es, daß Du mich in Deinem Urlaub nicht mehr antriffst. Vielleicht treffen wir uns noch eines guten Tages in Rußland! Und nun sende ich Dir einen frohen Gruß (noch aus der Heimat!),

Dein Karl Heinz