Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 15. April 1943

Rußland, den 15.IV.43.

Lieber Gisbert!

Ich danke Dir für Deinen Brief. Es wurde auch bald Zeit, daß ich wieder von Dir hörte.

„Kenntnisse der russ. Sprache“ hört sich großartig an; es sind aber nur ein paar Wörter die ich kenne. Was bedeutet nemezki? An Hand des Wörterbuches findet man sich aber zurecht. Läuse habe ich erst dreimal gefunden, zuerst eine, dann drei und dann wieder eine. Jetzt habe ich schon etliche Tage keine dieser lieblichen Tiere gefunden. Hier ist dafür eine andere Sorte, die uns plagt: Flöhe und wahrscheinlich auch Wanzen. Jeden morgen kann man beim Aufstehen eine Anzahl neuer Stiche feststellen, die jucken wie Mückenstiche. Solange wir noch in Ruhe liegen – wahrscheinlich noch einige Wochen – kann man sich ja gut sauber halten. Unser allwöchentliches Saunabad tut gut. – Über Urlaub kannst Du ja wirklich nicht klagen. Soviel werde ich in meiner ganzen Militärzeit nicht bekommen, wie Du in einem Jahr. Na, „et is Dich jejönnt“.

Richtigen, würzigen Humor kann ich freilich nicht mein eigen nennen, denn das muß man schon angeboren haben. Aber Frohsinn habe ich immer, und den laß ich mir nicht nehmen. „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“ – insofern habe ich auch Humor, ich laß mich nicht unterkriegen, sondern stehe (oder versuche zu stehen) über den Dingen, weil ich die Dinge einordne in das große Ganze. Mutlosigkeit, Traurigkeit, Verzagtheit habe ich während meiner Soldatenzeit noch nicht verspürt.

Für Deine Arbeit, die ich mit Deinem Brief erhielt, danke ich Dir. Sie ist, soweit ich das beurteilen kann, gut. Dir ist scheinbar bei dem Wort von Hans Carossa ein Tippfehler unterlaufen. Heißt es nicht so: „.... was nicht ganz Kern (Du schreibst: Keim) ist.“? – Wenn Deine Arbeit über Dostojewski gedruckt ist, schick mir bitte ein Exemplar, selbst wenn ich nicht alles kapiere, was darin steht.

Nun sende ich Dir einen frohen Gruß.

Heil und Handschlag,

Dein Karl Heinz