Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 5. Juni 1943
Rußland, den 5.VI.43.
Lieber Gisbert!
Ich will dir mal etwas von meinem jetzigen Leben schreiben.
Abends, gegen ½ 9, ziehen wir in unsere Stellungen. Zwischen ½ 11 und 1 Uhr ist es vollkommen dunkel und daher am gefährlichsten. Hat der Russe eine grüne oder rote Leuchtkugel geschossen, ist meistens etwas los, besonders, wenn er dann nicht schießt. Nachts ist außer MG.- und Karabinerfeuer nichts los. Manchmal schießen die Granatspucker und die Arie, auch Bomben fallen schon mal. „Iwan“ hängt jeden Abend in der Luft und schießt aus seinen Bord-MG.s. Beiderseitige Spähtrupptätigkeit zwingt zu besonderer Aufmerksamkeit. Da steht man nun in seinem Loch und starrt in die Dunkelheit und wartet, daß der Tag mit seinem ersten Schein am Horizont erscheint. Gegen drei Uhr werden die Stellungen geräumt. Man spachtelt anständig, und dann wird bis mittags gepennt. Gegen 1 Uhr steht man auf, wäscht sich, futtert, macht Waffenreinigen, Arbeitsdienst und schreibt. Um ½ 6 wandere ich zur Küche mit einigen Kameraden. Es wird Verpflegung, kalt und warm, Munition, Post usw. empfangen. Ist man wieder im Bunker, hat man noch etwas Zeit. Ich lese dann meistens. Und dann geht es wieder in Stellung. – Läuse und Mücken gibt es hier genug. Jeden Tag knacke ich ein Dutzend Partisanen. Fast 4 Wochen sind wir nun schon hier. Wahrscheinlich werden wir in den nächsten Tagen abgelöst. – Ist Deine Arbeit über Dostojewski schon gedruckt? Schick mir bitte ein Exemplar! – Zum Pfingstfest wünsche ich Dir reiche Gnadenkraft des Heiligen Geistes. Dir einen frohen Gruß,
Dein Karl Heinz