Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 13. September 1943
Rußland, d. 13.IX.43.
Lieber Gisbert!
Endlich bekam ich auch von Dir Post, über die ich mich riesig freute. Meinen besten Dank. – Ich vermute, daß Du inzwischen in Italien steckst, um Deine Frontbewährung zu holen. Da wirst Du auch harte Kämpfe bestehen müssen. – Was ich hier mitmachte, kann ich Dir nicht alles berichten; vielleicht später. Jedenfalls habe ich seit meiner Entlassung aus dem Lazarett härteste Strapazen und Kämpfe mitgemacht. Du schreibst schon recht, daß ich sowohl körperliche Strapazen wie seelische Erschütterungen überwinde. Ich wundere mich oft selbst, mit welchem Gleichmut (nicht Sturheit!) und mit welcher Selbstverständlichkeit
ich allen Dingen begegne. Der Krieg macht reif. – Meine alte Schwadron (3.) ist aufgelöst und bin ich zur 1. kommandiert. Der Troß existiert noch und schreibe ich deshalb noch meine alte Fpnr. – Zu Deiner Beförderung sage ich Dir meinen Glückwunsch.
Du schreibst von unserem Wiedersehen, daß ich auch heiß wünsche. Sicher, im Jenseits sehen wir uns bestimmt wieder, aber ich hoffe, auch noch eher. Ich habe das Gefühl, als wenn ich den Krieg überleben würde, und von Dir hoffe ich das Gleiche. Im übrigen lege ich alles in Gottes Hand.
Nachdem ich kurze Zeit M.G.-Schütze I war, bin ich nun Gruppenführer. Meine Gruppe ist freilich augenblicklich 1:2 stark.
Der Mangel an ausgebildeten Soldaten hat mich so schnell hochgebracht. Wir haben nämlich zwar mehrmals Ersatz bekommen, aber die Leute kannten meistens ein MG. nur von weitem, konnten vielleicht noch nicht mit der Handgranate umgehen, obwohl alte Kerle mit zwei-vier Dienstjahren dabei sind.
Lieber Bruder, ich hätte Dir noch so viel zu berichten von meinem jetzigen Leben, von den Dingen, die mich beschäftigen, aber es ist zuviel. Laß Dir diese wenigen Zeilen genug sein. Ich lebe noch, lebe, vegetiere nicht bloß. Dies mag Dir genügen.
Übrigens verlor ich zu meiner großen Trauer mein Tagebuch. – Für die Bachlegende danke ich Dir.