Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 23. November 1943

Vaihingen, den 23.XI.43.

Lieber Gisbert!

Endlich habe ich Deine Anschrift und kann kann Dir für Deinen Brief vom 30.IX. danken.

Ich will Dir zunächst berichten, wie es mir erging. Gegen Mitte Oktober bekam ich die „katholische Krankheit“ – ein kath. Wehrmachtspfarrer sagte mir, als Studenten hätten sie die Schleimbeutelentzündung so genannt. Mein rechtes Knie wurde langsam dick. Da schickte mich unser Truppenarzt am 22.10. zum H.V.P. Von dort kam ich über Feldlazarett, Krankensammelstelle zum Kriegslazarett in Vinniza. Dort wurde ich an dem inzwischen mächtig geschwollenen Knie operiert. Eine Menge Eiter muß da herausgekommen sein. Übrigens trag ich seit dem HVP. ständig bis heute eine Schiene um Fuß bis zum Oberschenkel. Laufen kann ich natürlich nicht. Schmerzen habe ich nicht mehr. Nach 8 Tagen fuhren wir nach Lemberg zur Krankensammelstelle. Nach weiteren 8 Tagen gings endlich ab nach Deutschland, und so landete ich hier in Vaihingen, einem Ort von 3000 Einwohnern. Die Enz, an der er

liegt, fließt in den Neckar. Das nächste Städtchen ist Ludwigsburg, zu dem dies Teillazarett gehört. Wir liegen in einem modernen Krankenhaus, das erst vor 7 Jahren gebaut wurde (125 Betten). Wir werden von protestantischen Nonnen und D.R.K.-Schwestern betreut. Ich habe das Glück, in einem kleinen Zimmer mit 2 Betten zu liegen. Die Verpflegung ist vorzüglich. Samstag sah ich den Film: „Jakko“. Ich weiß nicht, ob Du ihn kennst. Die Basis des Films ist ein wenig phantastisch. Er bringt einige gute Dinge, nur manchmal etwas übertrieben dargestellt. Gestern sah ich mit Mutter ein Varieté. Ja, da staunst Du, mit Mutter! Die konnte natürlich, als sie den ersten Brief von hier bekam, nichts Eiligeres tun, als hierherzukommen – genau wie bei Dir damals. Na, Du kannst Dir meine Freude vorstellen, als Mutter gestern morgen nach vorheriger telegraphischer Anmeldung hier hereinschneite. Mutter brachte einen Koffer voller Schnuppereien mit, die reinste Weihnachtsbescherung. Natürlich durfte der „Steeler Krieger“ nicht fehlen. Zu meiner Freude brachte Mutter mir Deine Briefe aus der letzten Zeit mit, so daß ich nun

weiß, was Du inzwischen getrieben hast. Dein Italientraum ist ja nun ausgeträumt. Dräng Dich man bloß nicht so zur Front, denn Du kommst doch nur nach Rußland. Dort kannst Du aber nur planmäßiges Absetzen vom Feind lernen. Ich kann das bereits aus dem FF. Aber so ist das nicht gemeint. Spaß beiseite. Ich habe aus Deinen Briefen Deine Haltung gesehen. Ich bewundere sie und erkenne sie vollkommen an. Du bist Gott sei Dank immer noch der alte Idealist. Ich wünsche Dir trotzdem, daß Du nicht wieder nach Rußland brauchst. Es wird in Rußland nicht mehr wie 41 gekämpft. Kannst Du Dir vorstellen, daß es mir einen dämonischen Spaß machte, Russen abzuknallen, auch Verwundete, die im Vorfeld lagen? Ich seh Dich schon im Geiste zu mir sagen: „Wie weit bist Du gesunken“. Ich denke aber nicht so. Wenn Du das erlebt haben würdest, was ich draußen mitmachte, vielleicht, nein bestimmt würdest Du nicht anders sein. Es ist in diesem totalen Krieg nicht mehr unerlaubt, den wehrlosen Gegner zu vernichten, wird es doch überall getan (Terror-Angriffe!)

Im Grunde genommen verabscheue ich natürlich diese unsaubere Kriegsführung, aber meiner

Meinung nach sind wir dazu gezwungen. – Du schriebst, Du könntest mich Dir garnicht in Rußland vorstellen. Ich müsse mich sehr verändert haben. Ich glaube, daß ich mich nicht wesentlich verändert habe, nur daß ich härter, fester, zielbewußter und vielleicht reifer geworden bin. Es ist schade, daß wir uns nicht mal wieder wie in alten Tagen ausquatschen können. Du schreibst in einem Deiner Briefe von dem apokalyptischen Kampf nach dem Kriege. Ich sehe es als eine sehr wichtige Aufgabe an, sich jetzt schon auf diesen Kampf vorzubereiten. Leider sind viele Leute blind und sehen nicht, was sich am Horizont zusammenbraut. Wir wollen Gott bitten, daß er uns in dieser gewaltigen Auseinandersetzung des Christentums mit dem Antichrist die Kraft gebe, uns ganz für Gottes Reich einzusetzen. – Dein Bild als Uffz. habe ich von Mutter bekommen. Anbei lege ich ein paar – freilich schlechte – Aufnahmen von mir, die im Sommer gemacht wurden. – Schreibe mir bitte bald.

Dir einen recht frohen Gruß,

Dein Karl Heinz

Entschuldige meine Schrift, sie ist „bettgeschrieben“.

Ich hoffe, Weihnachten zu Hause zu sein.

Recht herzl. Grüße Mutter. Karlheinz ist kreuzfidel u. freut sich jetzt schon auf seinen Urlaub. Ob es bis Weihnachten glückt? Es wär herrlich. Fritz wird Gott sei Dank nicht operiert. Dr. Kamp hat ihn untersucht u. davon abgeraten.

Holländischer Uniformrock
(siehe Rockkragen)

Kakau und Pudding werden gekocht.
Mein Kamerad fiel am 15. Juli