Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 30. November 1943

Vaihingen, den 30.XI.43

Lieber Gisbert!

Nun bin ich schon 2 Wochen hier im Lazarett. Ich kann nur sagen, daß ich mich hier wohl fühle. – Du bist jetzt ja auch in der öden Gegend Frankreichs, in der ich einige Monate meiner Kommißzeit verbringen mußte. Der Geländedienst macht dort besonders Spaß. Du wirst es jetzt ja aus eigener Anschauung beurteilen können. Übrigens kam ich ungefähr um die gleiche Zeit dorthin: Anfang Dezember.

Meine Hauptbeschäftigung besteht jetzt im Lesen. So las ich Bindings „Opfergang“, der ja vor kurzem verfilmt wurde, Schenzinger: „Anilin“, ähnlich wie das Buch „Metall“, das Du vom gleichen Verfasser besitzt; Gulbransson: „Und ewig singen die Wälder“ und die Fortsetzung „Das Erbe von Björndahl“. Diese Bücher gefielen mir sehr gut. Dann las ich zum ersten Mal Goethes „Faust“, außer einem kurzen Nachwort leider ohne Kommentar. In diesem dreiseitigem Nachwort steht Folgendes: „Faust stirbt und von oben her wird ihm das Zeugnis, daß er der Erlösung wert war, weil er immer strebend sich bemüht hat. Er ist kein guter Mensch im gewöhnlichen Sinne des Wortes gewesen, aber ein guter Mensch im Sinne des Herrn, weil er in dunklem Drange, das heißt ohne bewußte Erkenntnis, doch des rechten Weges zum Heil sich bewußt geblieben ist, irrend, aber stets strebend, niemals der Verneinung und der Trägheit verfallend.“

Ich bin mir noch nicht darüber im Klaren, ob ich damit einverstanden bin. „... ohne bewußte Erkenntnis, doch des rechten Weges..., sich bewußt...“, dies scheint mir ein Widerspruch zu sein. Auch gefällt mir der ganze Geisterspuk Wallpurgisnacht nicht, weil ich keinen Sinn darin finden kann. Die Helena-Geschichte weiß ich nicht zu deuten. Daß mir manches unklar ist, liegt wohl daran, daß ich den „Faust“ zum ersten Mal las und noch nicht gründlich mit Erklärungen durchgearbeitet habe. Schade, daß ich mich nicht mit Dir mal darüber unterhalten kann. Du kannst mir aber einmal ein paar Zeilen dazu schreiben. Ist unter dem oft zitierten „faustischen Menschen“ ein vitaler, zum Höchsten strebender Mensch zu verstehen?

Nun habe ich Adolf Hitlers „Mein Kampf“ zwischen. Ich habe eine alte „unverbesserte“ Auflage von 1933 zur Hand. In meinem nächsten Brief will ich Dir dazu einiges schreiben.

Meine Schnittwunden heilen prima. Die eine hat sich bereits ganz geschlossen, während die andere nur noch halb so groß wie ursprünglich ist. Ich hoffe, daß diese sich in 8-10 Tagen auch geschlossen hat. Dann werde ich wohl wieder aufstehen dürfen. – Ich habe den Antrag beim Ersatzhaufen gestellt, anschließend an den Genesungsurlaub (16 Tage) den Erholungsurlaub nehmen zu dürfen. Hoffentlich klappt es.

Dir einen frohen Gruß,

Dein Karl Heinz

Ab 10.XII. schreibe mir bitte nach Hause