Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 2. Dezember 1943

Vaihingen, den 2.XII.43.

Lieber Gisbert!

Jetzt habe ich Hitlers „Mein Kampf“ ausgelesen. Ich bin der Meinung, daß der Verfasser den Inhalt anstatt auf nahezu 800 Seiten auch noch ausführlich genug auf 400 Seiten hätte schreiben können. Manches war ganz interessant für mich. Bis auf einige Fremdwörter habe ich alles kapiert. Was ist ein Pazifist? Für diese Frage habe ich keine genaue Antwort. Folgender Satz ist sehr richtig, doch bezweifle ich die Befolgung: „Dem politischen Führer haben religiöse Lehren und Einrichtungen seines Volkes immer unantastbar zu sein, sonst darf er nicht Politiker sein, sondern soll Reformator werden, wenn er das Zeug hierzu besitzt!“ (49. Auflage, Seite 127) Der Verfasser behauptet, bei der Besprechung der Los-von-Rom-Bewegung der Alldeutschen: „So wie der tschechische Geistliche subjektiv seinem Volke gegenüberstand und nur objektiv der Kirche, so war der deutsche Pfarrer subjektiv der Kirche ergeben und

objektiv gegenüber der Nation.“ Ich meine, daß ein Geistlicher nach beiden Richtungen hin subjektiv sein müsse. Hitler wirft den beiden Konfessionen vor, daß sie nicht gegen die „Bastardierung“ von Juden mit Deutschen (also Ariern) eingeschritten wären. Sie hätten „dafür zu sorgen, daß man nicht nur immer äußerlich von Gottes Willen redet, sondern auch tatsächlich Gottes Willen erfülle und Gottes Werk nicht schänden lasse.“ Wenn die Kirche dafür sorgen soll, daß auch tatsächlich Gottes Wille erfüllt werde, muß man ihr staatliche Gewalt zubilligen. Das würde wohl kaum im Sinne des Verfassers sein und auch nicht von der Kirche verlangt. Im Übrigen scheint mir die Reinerhaltung der Rasse Aufgabe des Staates zu sein. Wenn dieser sich darum nicht kümmert, warum soll dann die Kirche ihren Segen zu einer Ehe zwischen zwei rassisch verschiedenen Menschen verweigern?

Vielleicht läßt Du dazu einige Sätze vernehmen. Für heute genug.

Heil und Handschlag,

Dein Karl Heinz