Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 9. Januar 1944
Vaihingen, den 9.I.44.
Lieber Gisbert!
Gestern war ich in Stuttgart, um eine neue Dienstbrille für mich zu bestellen. Ich war schon um 8 Uhr in der Stadt. Vom Stabsarzt habe ich mir Urlaub bis um 23 Uhr geholt. Nachdem ich beim Optiker war, bin ich durch die Stadt gestreift. Am Nachmittag sah ich den Film „Zirkus Renz“. Durch einen Zufall bekam ich noch eine Theaterkarte für’s Opernhaus. Es wurden die beiden einaktigen komischen Opern „Der Kalif von Bagdad“ von Francois Adrien Boieldieu und „Abu Hassan“ von Carl Maria von Weber aufgeführt. Die beiden Märchen aus 1001 Nacht waren nett. Die Musik von Weber gefiel mir aber bedeutend besser als die des Boieldieu. Anbei lege ich das Heftchen „Sippe und Volk“, das ich von der Partei bekam, und eine Geschichte von Björnstjerne Björnson. – Wie Mutter mir
schrieb, hast Du ja ein trübes Weihnachtsfest gehabt. Na, hoffentlich ist es das nächste Mal Frieden. Gerade erhalte ich von Mutter Post; sie schreibt, daß Du Dein Manuskript „Geist und Blut“ mir gewidmet und einen Brief dazu geschrieben hast. Ich danke Dir recht herzlich dafür. Du scheinst mir allmählich immer mehr unter die Dichter zu gehen. Mensch, Bruderherz, wie schade ist es doch, daß wir uns nicht mal wieder „beriechen“ können. Ich glaube, wir hätten uns viel zu sagen. Brieflich kann man doch nicht sich so ausquatschen, wie man möchte. Na, ich will gerne auf diese Aussprache warten, wenn sie nur überhaupt nochmal kommt. – Mein Knie sieht gut aus. Ende Januar werde ich wohl nach Hause fahren.
Zum Schluß wünsche ich Dir alles Gute.
Heil und Handschlag,
Dein Karl Heinz