Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 13. Januar 1944
Vaihingen, den 13.I.44.
Lieber Gisbert!
Soeben erhielt ich Deinen langen Brief vom 9. d. M., für den ich vielmals danke. Es steht da so vieles drin, was ich beantworten muß, daß ich mich gleich an die Arbeit mache.
Dein Gedicht „Jugend“ ist nicht schlecht. Die Musen liebäugeln wohl mit Dir. Mich soll’s nicht wundern, wenn demnächst auch noch Miniaturgemälde anflattern, wo Du dich schon so eingehend mit Farben beschäftigt hast. Dienstag war ich auch auf Dienstreise, und zwar wieder nach Stuttgart, um meine Brille abzuholen. Bei der Gelegenheit war ich wieder im Kino und sah den Film „Gabriele Dambrone“, einer von vielen, die die Moral des Volkes untergraben helfen.
Für Deine Stellungnahme zu meinen Fragen danke ich Dir. Bezüglich „Kirche und Rassenfrage“ muß ich mich freilich noch eingehender im Urlaub orientieren. -
Das Krückenlaufen, von dem Du schreibst, habe ich seit Mitte Dezember bereits drangegeben. Beim Gehen hindert mich nur noch ganz wenig der Verband, doch merkt man mir das kaum an. Daß ich G.V.H. geschrieben werde, ist vielleicht möglich, aber längst nicht amtlich. Es wär zu schön gewesen, 21+2 Tage Genesungsurlaub zu bekommen. Hier gibt’s jedenfalls nur 14+2 Tage. Meiner Meinung nach empfiehlt es sich nicht, die beiden Urlaubsreisen getrennt vorzunehmen, denn einmal habe ich die Nase voll vom Fahren in der überfüllten Eisenbahn, zum anderen kann ich in einem langen Urlaub auch größere
Dinge unternehmen. Na, weißt Du, wenn ich Ausbilder werde, ist Deutschland weit gekommen. Ich mag zu vielem taugen, aber zum Ausbilder auf dem Kasernenhof bestimmt nicht. Daß ich vorne Gruppenführer war, lag daran, daß Führermangel herrschte und ich Fronterfahrung hatte. Aber Kommißkopf bin ich absolut nicht. Du eignest Dich dafür besser. Du scheinst mich übrigens immer noch nicht richtig zu kennen. In der Kaserne werde ich mich kaum wohl fühlen. An der Front weht frische Luft, da ist Freiheit. Ich habe mich damals nicht so ganz leicht an den Kommiß gewöhnen können, und jetzt wieder von neuem das Theater – brrrr. Ich bewundere immer Dein rheinisches Gemüt. Du hast überall prächtige Menschen gefunden und Dich mit ihnen angefreundet, verstehst es, das Leben zu genießen. Wenn Du in einem Ort warst, weißt Du, wo ein gutes Lokal ist. Ich hab mich nie um Lokale gekümmert, weil ich am Wein und an Ähnlichem
keinen Gefallen finde. Du bist gerade im neuen Haufen, da kennst Du schon ein paar „prächtige Kerle“. Ich bin ein Jahr in derselben Einheit gewesen und bin nicht viel über ein kameradschaftliches Verhältnis herausgekommen. Ich muß ein sonderlicher Kauz sein. Mir scheint manchmal, daß mir etwas abgeht, was sonst in unserer Familie gepflegt wird: Geselligkeit. Und doch habe ich im letzten Urlaub fast zu meiner eigenen Verwunderung feststellen müssen, daß ich auch gesellig sein kann, wenigstens etwas mehr als früher. Ich weiß nicht, ob ich wirklich ein so eingefleischter Egoist bin; es gibt für und wider, und so klar sehe ich nicht, daß ich das richtige Urteil zu fällen vermag. Seltsam, für andere Leute hat man schnell ein Urteil, nur sich selbst kennt man nicht! – Paderborn ist mir nicht ganz unbekannt, war ich doch mit Hans Eyting auf einer Fahrt dort gewesen. Wenn ich die Gelegenheit habe, werde ich Deine Wünsche erfüllen und
Frl. Koch sowie Deinen alten Dozenten besuchen. So’n gelehrter Herr Professor wird wohl kaum Zeit haben, mit mir Probleme zu wälzen. „Es gibt liebe Mädchen in Paderborn ....“ Ja, Mensch, das darfst Du doch garnicht wissen! Im übrigen beschränke ich mich darauf, Frauenpsychologie zu betreiben, damit ich später nicht an die Falsche gerate. Mit Verhältnissen warte ich lieber bis nach dem Krieg. Mädel gibt’s genug, aber wir Männer sind bald nur noch auf Bezugschein zu haben. – Menschenskind, das wäre fein, wenn Du im Februar nach Hause kämst, denn dann werden wir uns sehr wahrscheinlich endlich mal wieder sehen. Hoffentlich wird etwas daraus.
Von hier gibt es nichts Neues zu berichten. Meine Klaue wird immer schlimmer. Ich schreibe immer im Bett.
Und zum Schluß wünsche ich Dir ’was.
Frohe Grüße,
Dein Karl Heinz