Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 1. Februar 1944

Vaihingen, den 1.II.44.

Lieber Gisbert!

Zu Deinem Namens- und Geburtstag wünsche ich Dir alles Gute. Nun bist Du schon im 24. Lebensjahr. Donnerwetter, wie die Zeit vergeht! Weißt Du noch, wie wir als Kinder in Kammanns Garten spielten? Kennst Du noch L.S.C.H.G. und C.S.? Erinnerst Du Dich noch der herrlichen Zeit in Fretter oder unserer Fahrt mit Willi W.? Oder an den letzten Abend, an dem wir uns sahen, wo wir unsere Kräfte im Flur maßen? Weißt Du noch? Weißt Du noch ....? Tausend schöne Erinnerungen steigen auf, und man könnte stundenlang davon plaudern. „Es war eine köstliche Zeit ...“ Ob wir in der Zukunft noch solche Freuden finden? Ich meine, es liegt viel an den Menschen selbst, fröhlich oder traurig zu sein. Man kann aus einem ringsum angebrannten Braten immer noch das gute Mittelstück herausschneiden.

Nun will ich Dir etwas von mir berichten. Am Sonntag fanden anläßlich des 30. Januars einige Veranstaltungen statt, von denen die angenehmste der Kameradschaftsabend war. Gestern war ich im Stuttgarter Schauspielhaus und sah die Komödie von Curt Johannes Braun: „Mit meinen Augen“, die in Stuttgart uraufgeführt worden war. Es war ganz nett. Was meine Entlassung und den Urlaub anbetrifft, so kann ich Dir da noch nichts genaues mitteilen. Im übrigen geht’s mir tadellos. Ich bin jetzt Schreibstubenhengst geworden, wenigstens für die Tage, die ich noch hier bin. – Hoffentlich läßt Du bald von Dir hören.

Ich wünsche Dir alles Gute.

Frohen Gruß,

Dein Karl Heinz

Ich liege jetzt auf einem anderen Zimmer (Stube 62), denn es sind neue Verwundete gekommen, so daß wir halb Gesunden ins obere Stockwerk ziehen mußten.