Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 2. Februar 1944

Vaihingen, den 2.II.44

Lieber Gisbert!

Ich danke Dir recht herzlich für Deinen Brief vom 28. v. M., der heute morgen angeflattert kam. Es freut mich, daß Du die 10 Tage gut überstanden hast. Du schreibst, daß manche Leute Dich für einen „wunderlichen Kauz“ halten. Mich halten sogar viele dafür. Aber ich gebe nicht viel auf das Urteil der Allgemeinheit. Für die Sonette und das andere Gedicht danke ich Dir. Ich glaube, die Muse hat Dich recht herzlich geküßt. Jedenfalls muß ich ehrlich sagen, daß mir die Gedichte gut gefallen. Daß die Sonette noch nicht abgeschlossen sind, merkt man. Die „Erlösung“ – so will ich mich mal ausdrücken muß noch kommen. Aber dazu muß man erst die Erlösung erlebt haben.

Daß es fein wäre, wenn wir am Tage der silbernen Hochzeit alle daheim sein könnten, ist klar. Ich habe auch schon daran gedacht. Aber ich glaube es wird sehr schwer halten. Wenn ich erst mal wieder im Osten bin, sind die Aussichten sehr gering. Na, hoffen wir das Beste. Bekommst Du keinen Abstellungsurlaub f. Italien?

Wie meinst Du das mit der „Frauenpsychologie“? Du kannst Dich freuen, daß ich nicht bei Dir bin, sonst würde ich Dir das Hetzen und Lästern schon austreiben. Seit unserem letzten Ringkampf bin ich erheblich stärker geworden! Sieh Dich also vor.

Ich wünsche Dir, daß Du Deinen Namens- und Geburtstag gebührend feiern kannst. Hast Du schon für die nötigen Spirituosen gesorgt?

Alles Gute

Dein Esau