Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 17. Februar 1944

Vaihingen/Enz, den 17.2.44.

Lieber Gisbert!

Am letzten Montag sah ich im Stuttgarter Schauspielhaus „Die heilige Johanna“ von Bernhard Shaw. Dieses Stück wurde gut aufgeführt. Sein weltanschaulicher Hintergrund gefällt mir zwar nicht. Bernhard Shaw schreibt selbst dazu, daß die heilige Johanna (Jean d’Arc) eigentlich die erste Protestantin und die erste Nationalistin gewesen sei. Seine „dramatische Chronik“ drückt das ja auch deutlich aus. Zwischen Mensch und Gott, Mensch und König soll niemand treten, weder Kirche noch Fürstentum. Das ist der Sinn dieses Dramas. Was denkst Du davon? Bist Du mit jenem Engländer schon in Berührung gekommen? – Heute sah ich im Stuttgarter Opernhaus „Madame Butterfly“ von Puccini. Es gefiel mir sehr gut.

Solche Kunstgenüsse wünsche ich mir noch einigemale, ehe ich wieder zum Osten muß. – Morgen werde ich bei einer Blutübertragung als Spender mitwirken. Dadurch bekomme ich einige Verpflegungszulagen. An Entlassung denke ich noch immer nicht. Wenn meine Wunde nicht zuheilt – und das kann sie nicht gut, solange ich soviel herumspringe – kann ich nicht entlassen werden. Ich bin drum nicht traurig. – Mutter schrieb mir, daß Du lieber mich in Vaihingen besuchen möchtest als zu Hause, damit wir mehr von einander hätten. Wenn es nicht anders geht, komm meinetwegen hierher. Nur verlierst Du einen Urlaubstag durch Bahnfahrt. – Mein Freund Hans Angerhausen, der mich Weihnachten daheim besuchte, ist am 18.I. in Italien als Führer eines Spähtrupps gefallen. – Ich soll Dich von Hans Schocke grüßen.

Frohe Grüße,

Dein Karl Heinz