Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 15. März 1944
Essen-Steele, den 15.3.44
Lieber Gisbert!
Gestern erhielt ich Deinen Brief vom 8. d. M., für den ich herzlich danke.
Dein unbändiger Gefühlsausbruch beweist mir, wie groß Deine brüderliche Liebe ist. – Inzwischen wirst Du Dich hoffentlich nicht in einer sturmdurchbrausten, finsteren Nacht im Angesichte des wildschäumenden Meeres entleibt, sondern abgeregt haben. Wir wollen einmal vernünftig reden. Auch ich bin nicht gefühllos; dennoch habe ich auf Deinen Brief hin nicht unsere Möbel zerschlagen. Von der Gelassenheit, die Du mir selbst einmal empfahlst, scheinst Du wenig zu halten. Halt, brause nicht wieder auf: „Es ist aber auch zum ...“!! Du bist ein Sanguiniker ersten Ranges. Du vermagst Dich in den höchsten Himmel zu versetzen und
die tiefste Hölle zu durchkosten. Das ist kein Fehler, aber man darf sich nicht durchbrennen lassen. – Ich glaube, du hast Dich in den 1 ½ Jahre, die wir uns nicht sahen, ziemlich verändert – besser gesagt: weiterentwickelt -, und ich glaube, nicht immer vorteilhaft. Vielleicht tue ich Dir unrecht mit meinen Vorwürfen, aber Du wirst verstehen, daß ich Dir gerade wegen unserer brüderlichen Liebe offen schreibe. Mir scheint es, als ob Du vom Schicksal verlangtest, daß es Dir Deine Wünsche erfülle. Ich habe die angenehmen Dinge immer als eine Zugabe betrachtet, freilich als eine Zugabe, die einen beträchtlichen Stand in unserem Leben einnimmt. Fordern vom Leben – dazu haben wir keine Berechtigung. Unser Maß an Glück und Leid teilt Gott uns zu. Und wir wollen demütig sagen: Herr, wie Du willst! Du schreibst: „Zu verlieren habe ich nichts
mehr ...“. Ich glaube es fast, denn Du hast Dich beinahe selbst verloren. Finde Dich wieder in der Fastenzeit, damit Du Ostern neu auferstehen kannst.
Den „Raskolnikow“ las ich (ich habe ihn nicht mal ausgelesen), um Dostojewski kennenzulernen. Mit seinen Theorien will ich mich weiter nicht befassen. Seine dichterische Art ist beachtenswert. – Meinen Urlaub glaube ich richtig auszunützen. Am Sonntag sah ich “Faust“ I, der fast in primitiver Ausstattung aufgeführt wurde. Dadurch aber kann man sich mehr auf die Dichtung konzentrieren, was bei einem solchen Werk wohl erwünscht ist. Gestern Nachmittag hörte ich Wagners „Lohengrin“. Es wurde mäßig aufgeführt. Am kommenden Samstag hoffe ich einen Sonatenabend, am Sonntag das Folkwang-Quartett zu hören. Ich muß das Schöne nun auf Vorrat sammeln. – Bisher bin ich noch nicht sehr viel zum Lesen gekommen,
doch werde ich mich nun dahinter klemmen. – Anbei sende ich Dir einen Rundbrief. Weitere sind in Vorbereitung. Die Arbeit in der Pfarrjugend ist im Dekanat sehr mager, in Laurentius ganz eingeschlafen. – Der Papst feierte kürzlich den 5. Jahrestag seiner Krönung. Dr. Frotz, ehemaliger Diozesanjugendseelsorger, ist Regenz des Priesterseminars geworden. Unser Bischof Josef arbeitet gut und läßt sich von seinem Domkapitel nicht ins Schlepptau nehmen wie sein Vorgänger. -
Die Hoffnung, Dich doch noch – vielleicht in Paderborn – wiederzusehen, habe ich noch nicht aufgegeben. Mögen die Götter uns hold sein.
Dir einen frohen Gruß,
Dein Karl Heinz