Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 19. März 1944

Essen-Steele, den 19.3.44

Lieber Gisbert!

Deinen Brief vom 6.3. bekam ich von Paderborn zugeschickt. Besten Dank! Wieso überrascht es Dich, daß ich R.O. werden will? Etwa, weil ich Dir mal schrieb, daß ich alles andere als ein Kommißkopp bin? Meine Meinung habe ich diesbezüglich auch nicht geändert. Die Beweggründe, mich als K.O.B. zu melden, waren ganz realistischer Natur. Ich habe als Offizier das Leben beim Kommiß bedeutend angenehmer, als wenn ich Schütze A... im dritten Glied bleibe, trotz der größeren Verantwortung, vor der ich mich ja nicht scheue. Außerdem glaube ich, daß ich

schon dazu fähig bin und das deutsche Offizierskorps nicht um eine Karikatur vermehre. – Bezüglich Deines Stils: Wahre Dichtung ist nie Alltagssprache, doch darf dichterische Freiheit nicht die Sprache verdrehen. Das „Maß“ der Sprache ist nämlich vorhanden und braucht und darf vom Dichter nicht erst gestaltet werden, denn dadurch käme das „Gleichgewicht“ ins Wanken. Du schreibst ja nicht in irgendeinem Dialekt, dem solche „Verdrehungen“ eigen sind, sondern in hochdeutscher Sprache, und anderen Dichtern solches abzusehen, ist geistiger Diebstahl. – Dein Zimmer habe ich in Paderborn nicht gesehen, doch roch ich Deinen Schweiß schon auf der ersten Treppenstufe.

Gestern hörte ich mit Mutter einen Sonatenaben (Klavier, Violine) und heute werde ich dem Volkwang-Streichquartett lauschen.

Frohen Sonntagsgruß,

Dein Karl Heinz

P.S. Ich komme gerade von der Bücherei. Dort mußten meine blinden Ohren hören, daß Du ein Buch (3 F 80) im Okt. 41 dort ausgeliehen und nicht zurückgebracht hast. Den Titel konnte ich nicht feststellen (ein Familienbuch). Steh Antwort und Rede, Schurke!