Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 25. März 1944

Essen-Steele, den 25.3.44.

Lieber Gisbert!

Heute erhielten wir dankend Deinen Brief vom 19. d. M. Es ist also endgültig entschieden, daß Du mich nicht mehr in Steele triffst. Pech! Ob die Möglichkeit besteht, daß wir uns in Paderborn treffen, kann ich Dir nicht 100 %ig sagen. Der Lehrgang in Br. soll Mitte April stattfinden. Ob ich den Anschluß noch bekomme, ist fraglich. In P. werde ich jedenfalls kaum sehr lange sein, doch kann ich Dir da wirklich nichts Genaues schreiben. Es hängt alles von verschiedenen Umständen ab. Meine Kniewunde hat sich im Urlaub sehr verschlechtert und ist ungefähr so groß wie ein zwei Fingerglieder. Wer weiß, was der Truppenarzt mit mir anfängt? Auf jedenfall kommst Du ja erst nach Steele und wirst hier von Mutter schon hören, was mit mir los ist. Ich werde natürlich versuchen, die Sache möglichst günstig für unser Zusammentreffen zu drehen. Fein wäre es ja, wenn Du zu Ostern bei mir bist. – Warum erzählst Du uns Deine Träume? Wir haben in unserer Familie keinen Josef, der Traumdeuter ist. Es sieht fast so aus, als schriebst Du Deine Briefe gleich druckreif: Briefe des großen deutschen Dichters Gisbert Kranz (ähnlich wie Schillers, Goethes usw. Briefe nach dem Tode herausgegeben wurden). – Hast Du eigentlich meine letzten Briefe nicht bekommen? Oder soll Dein Traum die Antwort sein? – Morgen sehe ich mit Mutter Goethes Trauerspiel „Die natürliche Tochter“ in Erstaufführung. Es soll das beste Trauerspiel sein, nur verkannt und daher fast unbekannt.

Dir einen frohen Gruß,

Dein Karl Heinz

Herzliche Grüße Dein Vater.

Lieber Gisbert! Hast Du all unsere Briefe noch nicht bekommen? Ist das doch schade, daß Euch Euer gemeinsamer Urlaub hier nicht beschieden ist. – Aber mit Paderborn, das wird bestimmt klappen. Die Wunde von Karlh. sieht übel aus (er war heute bei Frau Doktor damit) und wird man ihn noch nicht so schnell nach Bromberg lassen. Karlh. fährt also Dienstag, d. 4. April nachmittags 18.12 Uhr ab Essen H.Bhf. Vielleicht schaffst Du es noch, daß Ihr Euch noch 1 oder ½ Tag hier seht. Er hat so nette Photos machen lassen gleich am ersten Tage seines Hierseins, und könntest Du längst eins haben, wenn wir nicht immer Dich erwartet hätten.
- Nun machs also gut, lb. Gisbert u. sei herzl. gegrüßt v. d.
Mutter.

Feldpost (Essen-Steele 26.3.44)

Uffz.
Gisbert Kranz
08787B

Absender: K. H. Kranz,
22 Essen-Steele, Postfach 21