Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 9. April 1944
Essen-Bredeney, den 9.IV.44 Ostern
Lieber Gisbert!
Ich danke Dir vielmals für Deinen Brief vom Palmsonntag.
Wir beide werden aber auch vom Pech verfolgt, als wenn wir es gemietet hätten. Ob Du mich nach dem Lehrgang noch in der Heimat antriffst, ist noch ungewiß. Mein Anfall ist Gott sei Dank vorbei. Die Kur ist Dienstag beendet. Ich rechne damit, Ende dieser Woche entlassen zu werden. 7 Tage Urlaub bekomme ich bestimmt, bestenfalls das Doppelte. Du wirst mich also doch wohl in Paderborn aufsuchen müssen.
Ich lese jetzt in den „Kriegsbriefen gefallener Studenten“. Da fand ich folgenden Satz: „.... ich fühlte mich in meinem bisherigen Dasein so glücklich, daß ich Besseres kaum erhoffen konnte, und die Erfahrung der letzten Jahre hat mich einsehen gelehrt, daß auch die Erfüllung der idealsten Wünsche, der Sehnsucht, hinauszukommen, Welt und Menschen zu sehen und Schönes zu genießen, wertlos und entwertend auf den Menschen wirkt, wenn das Herz nicht fest wird.“
Ich habe das Gefühl, als wenn Dein Herz nicht fest geworden wäre, trotz allem schönen Erlebens. Dich hat das Schicksal zu sehr verwöhnt, so daß Du nicht vermagst, Rückschläge oder gar Not gelassen hinzunehmen. Du hast Dich in Dein Ich verrannt und glaubst, die Welt stände Kopf, derweil Du selbst wie ein schwankendes Schilfrohr im Winde stehst, unfähig, ihm zu trotzen. Verzeihe mir, wenn ich Dir Unrecht tue, aber so habe ich Deine Ver
fassung aus Deinen Briefen heraus gesehen. Mögest Du aus dem Wirrwar Deines Herzens auferstehen zu einem neuen Leben, in dem Du über Dich selbst hinausgehst. Christus ist uns da so herrlich vorangegangen. Laßt uns ihm folgen, nicht nur im Leiden, sondern auch in der Auferstehung, denn daß gehört auch zum Christentum eines gotischen Turmes, der das Ganze krönt.
Lieber Bruder! Aus den obigen Zeilen spricht meine brüderliche Sorge um Dich. Ich kann es verstehen, daß Du noch nicht weißt, ob der von Dir erwählte Beruf der richtige für Dich ist. Aber dann muß Dir auch klar werden, wohin Du Dein Lebensschiff lenken willst. Nichts Schlimmeres gibt es als einen ziellosen, wankenden Menschen. Der Kommiß müsste
Dich eigentlich gefestigt haben. Mir ist es jedenfalls so gegangen. – Ich bete für Dich, damit Du den rechten Weg finden mögest. Bete Du auch für mich, denn ich habe auch nicht gerade leichte Kämpfe zu bestehen. Ich kenne zwar meinen Weg und mein Ziel, aber es ist schwer, nicht abzuirren....
Ich las Deine Manuskripte „Der Obergefreite“, „Das preußische Erbe“ und „Die geistigen Ursachen der Bolschewistischen Revolution“. In letzterem fand ich das Wort: „Was ist Wille: Gezüchtete Natur.“ Das scheint mir nicht richtig. Den Willen hat man, er wird nicht erst gezüchtet. Auch steht er über dem Geist als entscheidende Instanz. Der Wille kann auch ohne Geist und wider den Geist handeln (z. B. bei Nietsche). Natürlich ist der Wille nur fruchtbar, wenn er sich vom Geist leiten läßt. Wille und Geist sind aufeinander angewiesen wie Mann und Frau.
Ich wünsche Dir alles Gute!
Dir einen recht frohen Gruß
von Deinem Bruder
Karl Heinz