Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 11. April 1944
Essen-Bredeney, den 11.4.44
Lieber Gisbert!
Sei herzlich bedankt für Deinen Brief vom 5. d. M.
Was meine Wenigkeit anbelangt, so kann ich Dir mitteilen, daß ich allmählich wieder auf dem Damm bin. Ich werde wohl in der nächsten Woche entlassen. – Wieso soll ich ob meiner Krankheit froh sein? Du möchtest wohl gerne vor dem Ringkampf kneifen, wie? Ein k. o. gibts, aber nicht für mich, sondern für Dich! Bis wir uns – wenn überhaupt – treffen, bin ich wieder voll bei Kräften. Übrigens habe ich mich noch in der Genesenden-Schwadron im Ringkampf geübt, so daß Du mich nicht unvorbereitet findest. Ich halte meine Kampfansage aufrecht! Die Malaria hat mir noch nicht das Mark aus den Knochen ausgesaugt! Für gebrochene Knochen und Zahnersatz komme ich nicht auf! – Von geistigem Diebstahl kann bei mir nicht die Rede sein, da Karl May, hätte er später gelebt, noch bei mir in die Schule gehen könnte.
Was Deinen damaligen Brief anbelangt, so dachte ich dabei auch an Eugen Roth:
„Ein Mensch denkt oft mit stiller Liebe
An Briefe, die er gerne schriebe.
Z. B.: Herr, sofern Sie glauben,
Sie könnten alles sich erlauben,
So teil ich Ihnen hierdurch mit,
Daß der bewußte Eselstritt
Vollständig an mir abgeprallt.
Das Weitere sagte mein Rechtsanwalt!
Und wissen Sie, was Sie mich können?! ....
Wie herzlich wir den Menschen gönnen,
Herumzubasteln in Entwürfen
An dem, was nie wir sagen dürfen.
Es macht den Zornigen sanft und kühl
Und stärkt das deutsche Sprachgefühl.“
Soweit Eugen Roth frei nach Gedächtnis.
Was Du mir bezüglich des Offizierwerdens schreibst, ist mir nichts Neues. Ich glaube, daß ich dem Vaterland als Offizier mindestens so gut wie als Landser dienen kann, wenn nicht noch besser. Wir sollen uns nicht scheuen, unser Bestes für unser Volk herzugeben. Die zeitweilige angenehmere Lage des Offiziers ist ja auch nur nebensächlich. Wenn ich unseren Eltern von der Bereitschaft des Soldaten, von seinem Opferwillen sagen würde, könnte ich zum mindesten bei Vater auf Verständnislosigkeit stoßen. Deswegen ziehe ich es vor, nicht zu viel von Idealen zu erzählen; man wird dann doch meistens nur als Phantast, der den Boden der Wirklichkeit verlor, verschrien. Hoffentlich mißverstehst Du mich nicht dahin, ich sei kriegsbegeistert oder auch nur begeistert für das Soldatspielen. Echtes Soldatentum ist heute leider recht selten geworden. Die meisten „Helden“ sind nur arme Tröpfe....
Über Deine Ziellosigkeit schrieb ich Dir schon in meinem letzten Brief, so daß es sich an dieser Stelle erübrigt. Ich wünsche Dir nun gute Besserung.
Mit frohem Gruß,
Dein Karl Heinz