Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 26. April 1944
Essen-Steele, den 26.4.44.
Lieber Gisbert!
Heute morgen kam ich um 7 ¼ Uhr hier an, um noch einige Tage Urlaub zu verbringen. Am 3. Mai muß ich wieder nach Paderborn fahren. Ich glaube ja kaum, daß Du mich hier noch antriffst. Ich will aber hoffen, daß wir uns in Paderborn wiedersehen. Halt Dich dabei! Die schöne Lazarettzeit ist nun wieder vorbei. Ich hätte es noch länger ausgehalten, denn es war in Hamb nicht übel. Vor allem hatten wir eine prima Verpflegung. Z. B. gab es am letzten Sonntagmorgen mit
Schinken belegte Butterbrote, die Du wohl beim Kommiß noch nicht bekommen hast. – Die Gegend war nicht übel; ich habe dort einige schöne Spaziergänge gemacht. Unsere Abteilung wurde von zwei D.R.K.-Schwestern betreut – nette Mädel. Ich fühle mich wieder vollkommen gesund. Nur meine Hautfarbe ist noch etwas gelblich von dem Atebrin, daß ich einnehmen mußte.
Deine letzten Briefe habe ich hier gelesen, ebenso Dein Gedicht. Willst Du wie die Jungfrau von Barby (in dem Buch von Le Fort) in der Gottesferne heilig werden? Du wirst mir immer absonderlicher. Dir würden mal ein
paar Monate schwerster körperlicher Arbeit, die Dir keine Zeit zum Denken läßt, gut tun; dann werden sich wohl Deine verlogenen Gedanken verzogen haben. Sieh bloß zu, daß Du mir bald begegnest, damit ich Dir mal den Kopf gründlich waschen kann, denn sonst kannst Du nicht mehr klar aus den Augen sehen. – Augenblicklich ist Hugo Kreutzer in Urlaub. Philipp Dürfeld hat eine schwere Verwundung (seine 5.!) erlitten. Genaues ist mir nicht bekannt. Er kann selbst nicht schreiben und ist auch nicht transportfähig.
Frohen Gruß,
Dein Karl Heinz
Lieber Gisbert!
Mutter ist nach der Verschüttung in Königswinter sehr herunter. Sie war eben bei Frau Dr. Salberg, da sie heftige Herzbeschwerden hat. Gerade kommt sie zurück, Frau Dr. hat Herzmuskelschwäche festgestellt und muß Mutter sich äußerste Schonung auferlegen. Wir müssen unbedingt sehen, daß Mutter Hilfe im Haushalt bekommt, da es mit der Putzfrau doch nichts ist.
Vor einigen Tagen war Herr Huckschlag im schwarzen Rock hier. Er hatte einige geschäft. Wünsche für seine Schwester, die ich aber nicht erfüllen konnte. Huckschlag ist jetzt in Bonn (Leoninum). Er erkundigte sich eingehend nach Dir und läßt Dich bestens grüßen.
Lebe wohl und sei herzlichst gegrüßt auch von Mutter.
Dein Vater