Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 30. April 1944

Essen-Steele, den 30.4.44

Lieber Gisbert!

Neulich hörte ich hier, daß der Urlaub für den Westen gesperrt sei. Somit müssen wir unsere letzten Hoffnungen, uns in absehbarer Zeit zu treffen, begraben. Möge es uns später einmal vergönnt sein, daß wir uns lebend wiedersehen.

Viel Neues kann ich Dir nicht berichten. Ich hoffe, Hans Schocke heute oder morgen hier anzutreffen. Franzjosef Rhode beginnt in einigen

Tagen in Münster sein Medizinstudium, nachdem er vor einigen Tagen aus dem R.A.D. entlassen wurde. Herbert Redder hat sich die gleiche Fakultät gewählt. Karl Stratmann studiert wieder in Bonn, um seinen Doktor zu machen. Werner Will (genannt Schnubbel) wird vermißt. Weihnachten war er hier und heiratete. Nun ist sein U-Boot nicht zurückgekehrt. Soweit die Personalnachrichten.

Mutter fühlt sich seit dem Erlebnis in Königswinter ziemlich schlecht. Wir haben hier fast jede Nacht Alarm.

Lieber Gisbert! Hast Du meinen Brief erhalten. Bis jetzt liege ich noch immer in Mülheim. Da hast Du ja wieder Pech, daß Du den Karl-Heinz durch die Urlaubsperre nicht antrifft. Gruß Fritz.

Da kannst Du Dir wohl denken, daß Mutter nicht gut auf dem Damm ist. Frau Dokter hat ihr größte Ruhe angeordnet, da das Herz nicht mehr recht will, wie es soll. Aber die Arbeit will auch getan sein, und obwohl Mutter nur das Nötigste tut, so bleibt doch noch über genug zu schaffen. Mutter beklagt sich darüber, daß Du gar nicht auf ihre Briefe antwortest und eingehst.

Nun noch ein gutes Wort:

Gott schreibt mit anderen Griffeln als die Geschöpfe:
Wo er Fruchtbarkeit haben will, da verschüttet er, auf

daß man grabe;
wo er Bewährung schenken will, da schlägt er, auf daß man ihn bitte;
wo er sich hingeben will, da entzieht er sich, auf daß man ihn suche;
wo er erwählen will, da stellt er sich selbst zu Wahl, auf daß man ihn küre.

Frohen Gruß Dir,

Dein Karl Heinz

Lieber Gisbert! In den letzten Tagen spricht man hier nur von der bevorstehenden Invasion. Dann gibt es für Euch Arbeit, die hoffentlich zum vollen Erfolg führt. Ich wünsche Dir alles Gute. Lebe wohl und sei herzlichst gegrüßt von Deinem Vater.

Lieber Gisbert! Wie sehr bedauere ich, daß Urlaubssperre ist, wie man hört. Zu gerne hätte ich Dich jetzt mal hier gehabt. Nun kann ich Dich mehr denn je in Gottes Güte empfehlen. Schweres steht uns wohl allen bevor. Wir müssen uns auf das Schlimmste gefaßt machen. Ich nutze jede freie Minute zum ruhen u. komme gerade aus dem Bett. Sei herzlichst Gott befohlen, mein lb. Junge und verzage nicht, er ist mit Dir, auch wenn Du es nicht spürst. Herzlichst grüßt Dich D. Mutter.