Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 29. Juni 1944

Paderborn, den 29.6.44

Lieber Gisbert!

Gestern abend fuhr ich zu meiner Einheit zurück, denn das Gesuch um Verlängerung meines Arbeitsurlaubs lief noch. Inzwischen habe ich aber meine vier Wochen genehmigt bekommen, sodaß ich morgen abend fahre. Leider hat man mich hier noch rasch beim Wickel gekriegt und mich auf Kasernentorwache (von 18-18 Uhr) geschickt; dadurch kann ich erst spät fahren, bekomme aber den nächsten Tag erst als Reisetag angerechnet. Ich bin froh, wenn ich wieder zu Hause in meinem Zivilanzug stecke. Da fühle ich mich doch wesentlich wohler!

Am letzten Sonntagnachmittag brachte ich einige schöne Stunden bei Marianne Görres mit Musizieren zu. Wir spielten Flöte zusammen und Klavier mit Flöte, danach spielte ich noch einige Stücke auf dem Klavier vor. Ich bin froh, daß ich das Klavierspielen gelernt habe. Wenn

ich auch mit der Zeit etwas an technischem Können verloren habe, so spiele ich doch noch ziemlich gut. Man schätzt und liebt unsere großen Meister doch ganz anders, wenn man sie sich selbst erarbeiten muß.

Wenn ich als Posten vor dem Schilderhaus auf- und abgehe und in Richtung Kasernentor blicke, sehe ich gerade auf den grünen Turm des Paderborner Doms, der sich hoch über die Dächer erhebt. Daneben versuchen sich einige Kirchturmspitzen hochzurecken, doch manche gucken nur eben über den First eines Hauses. Ganz im Vordergrund, gleich an der Straße beginnend, steht reifendes Getreide. Es ist ein friedliches Bild. Nun ist die Sonne schon gesunken. Graublaue Wolken künden die nahende Nacht. Ruhe ist ringsum, nur der laute Schritt genagelter Landserstiefel und das leise Rauschen des Windes sind zu hören ......

Froh grüße Dich

Dein Bruder Karl Heinz