Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 9. Juli 1944
Essen-Steele, den 9.7.44
Lieber Gisbert!
Für Deine lb. Zeilen danke ich Dir herzlich.
Zu unserer Dorfplanung: Wir wollen ja kein neues Dorf gründen, sondern uns zu den vorhandenen Bauern, Handwerkern usw. ansiedeln. Deine Bewerbung als Redakteur des Lokalblättchens wurde geprüft. Endgültigen Bescheid wird die Zentrale geben. Eine Sekretärin hat das Arbeitsamt noch nicht bewilligt. Ortsgruppenführer, politischer Leiter und Redakteur ließen sich ganz gut in einer Person zusammenfassen. Organisationstalent hast Du ja! Es ist geplant, später einen Nachtrag zur Dorfplanung herauszugeben, in dem Wünsche und Vorschläge, die einlaufen, berücksichtigt werden.
Dein Vorschlag, die angegebenen Erzählungen von E.T.A. Hoffmann zu lesen, ist leider schlecht ausführbar. „Gute Leihbibliothek“ – wo gibt’s denn so was? Außerdem fehlt mir die Zeit dazu, viel zu lesen. Nur einige kleine Dinge kann ich mir vornehmen. So lese ich jetzt die Erzählung „Elisabeth Tarakanow“ von R. Schneider.
Mutters Namenstag haben wir gebührend gefeiert, morgens mit einer Morgenfeier, nachmittags bei Kaffee und Kuchen (1a mit Sternchen!). Beide Male waren Frau Stricker und Frau Berthold da. Am nächsten Tag haben wir mit dem übrigen Kuchen eine Nachfeier veranstaltet, zu der wir Holtmann einluden. Es war, wie immer, recht gemütlich. – Mutter sitzt nun mächtig in der Arbeit, denn der gefürchtete Hausputz ist gestartet geworden. Dazu
kommt noch, daß Mutter auch noch einmacht (gestern Marmelade, 23 Glas Erdbeer + Rabarber). Das ist auch nötig, denn mein Dauerurlaub hat die Vorräte arg geschmälert. Es wird Zeit, daß ich wieder abhaue, sonst bleibt für Euch nichts mehr übrig.
Vorhin sprachen wir über Vornamen. Ich beschwerte mich, daß man mir einen Doppelnamen gegeben hat. Da meinte Mutter sie wolle mich jetzt nur „Karl“ nennen – auf meinen Wunsch. Übrigens bin ich im Osten eine zeitlang nur Karl genannt worden, und ich habe Kameraden, die garnicht wissen, daß ich einen Doppelnamen habe. Was meinst Du von meiner Namenskürzung?
Es grüßt Dich froh,
Dein Karl
P.S. Dein Bücherpaket ist angekommen. – Ein Zigarettenpacken, das ich Dir schickte, kam zurück: Feldpostsperre.
Lieber Gisbert! Leider können wir Dir nichts [.?.] und zum Rauchen schicken. Lebe wohl und Gott befohlen. Herzl. Gruß Vater.
Lieber Gisbert! Recht herzl. Dank für die lb. Glückwünsche zu m. Namenstag u. für das Buch, das ich lesen werde, sobald ich mal mehr Zeit habe. Ich freue mich, daß es Dir immer noch gut geht u. daß Du zufrieden bist. Wahrscheinlich fahre ich am 22.7. mit Fritz nach Wakenfeld u. bleiben dort bis zum 31. Gestern kam eine Karte von dort, daß wir für diese Zeit Aufnahmemöglichkeit für uns dort ist. Da Karlh. am 28.7. auch fort muß paßt es mir garnicht so, aber andernfalls müßten wir verzichten u. Fritz freut sich auch auf Ruhe u. alarmfreie Nächte dort. So müssen Vater u. Karlh. allein hausen. Jetzt habe ich noch sehr viel Arbeit bis dahin – Hausputz, Wäsche u.s.w. umsomehr freut einen hinterher die Ruhe. Meine Gallengeschichte ist verschwunden u. bin ich wieder ganz in Ordnung u. kann alles essen. Dieser Tage kam ein Päckchen mit Zigaretten für Dich zurück, da man nur 20 gr. schicken darf. Ich bedauere sehr, Dir gar nichts mehr schicken zu können wegen der Sperre. Stets Dein gedenkend bin ich mit herzl. Liebe Deine Mutter.