Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 14. Juli 1944

Essen-Steele, den 14.7.44

Lieber Gisbert!

Sei herzlich bedankt für Deine Zeilen vom 10. d. M.

Deine Beschwerden über die „Zentrale“ sind teils unbegründet. Der zweite Rundbrief (der nächste nach dem Altenbergbrief, an dem Du mitgearbeitet hast) ist jetzt noch in Arbeit. Inzwischen sind nur der Benedict-Herfs-Brief, den ich Dir ja sandte, und ein kleiner Adventsbrief vom 1. Adventsonntag 43, ein kleiner Brief vom 1. Fastensonntag 44 (beide wirst Du bekommen haben) und das Heft von Reinhold Schneider „Alle Zeit ist Gottes“ herausgegangen. Letzteres schicke ich Dir heute zu, bitte aber um Rückgabe. Irmgard Vogt werde ich bei nächster Gelegenheit einen Rüffel erteilen. Übrigens mußt Du berücksichtigen, daß sie eine große Korrespondenz

hat, nebenbei aber schon lange Zeit krank ist. Vielleicht gibst Du den Anstoß zu einem Briefwechsel noch einmal (Anschrift: Büssemstr. 22). – Kpl. Röns lebt irgendwo im Reich, ich glaube in Mitteldeutschland. Da ich keine Verbindung mit ihm habe, kann ich Deine Grüße nicht ausrichten. Seine Adresse will ich Dir aber erfragen.

Die gewünschten Dinge habe ich zusammengesucht und schicke sie Dir heute zu. Die Sonette schreibe ich Dir ab, denn Rainer Maria Rilke schreibt in einem Brief an einen jungen Dichter:

Sie sehen: ich habe Ihr Sonett abgeschrieben, .... Und nun gebe ich Ihnen jene Abschrift, weil ich weiß, daß es wichtig und voll neuer Erfahrung ist, eine eigene Arbeit in fremder Niederschrift wiederzufinden. Lesen Sie die Verse, als ob es fremde wären, und Sie werden

im Innersten fühlen, wie sehr es die Ihrigen sind. –“

Die Erzählung „Elisabeth Tarakanow“ von Reinhold Schneider ist mehr als eine bloße Geschichte. Es stehen dort wesentliche Dinge, z. B. wie Elisabeth in einem Gespräch mit Orlow fragt: „Wer hat die Macht?“ – und dieser antwortet: „Wer die Schuld meistert.“ – Ich staune, was Du noch gute Bücher dort bekommst. Hier ist ja so gut wie nichts zu machen. Einige kleine Dinge konnte ich bekommen, und ich bin auch darüber schon froh. Unter anderem aber kaufte ich die Erzählung „Synnöve Solbakken“ von Björnstjerne Bjornson. Schriebst Du nicht mal, das sei der bedeutendste nordische Dichter? – Hast Du übrigens schon mal ’was von dem „Dichter“ Wulf Sörensen gehört? Es ist der Deckname Himmlers.

Paul Kersebaum liegt augenblicklich in einem der baltischen Staaten. – Philipp Dürfeld befindet

sich alles andere als wohl. Schon im April hatte man ihm ein Bein bis zum Oberschenkel amputieren müssen. Außerdem hat er jetzt noch eine Beckentrumbose. Direkte Lebensgefahr besteht nicht, aber der Arzt konnte seiner Mutter, die Philipp besuchte, nichts Genaues sagen, da er noch nicht untersucht werden konnte (er muß im Bett stilliegen).

Nun habe ich noch 14 Tage Urlaub. Während Mutter in der Wohnung „hausputzte“, tat ich dies im Lagerkeller. Es gab viel Dreck und Arbeit, aber nötig war es. Ich fühle mich ganz wohl bei der Arbeit. Von meinem gewaltigen Hunger – ich esse für drei – kann Mutter ein Lied singen. Wer schafft, soll essen! Die knappe Freizeit freut mich nach getaner Arbeit doppelt. Schade, daß ich meine Uniform nicht zurückschicken kann!

Dir einen frohen Gruß,

Dein Karl

II

Ich lebe, doch mein Herz wähnt sich gefangen:
Mein Wesen rührt nur an der Zeiten Saum
Und schwirrt umher im endelosen Raum -
Ein rascher Pfeil, geschnellt von Glücksverlangen.

Doch zittert es in ahnungsvollem Bangen:
Wie ich durchfliege kühn des Lebens Traum
Auf ungewissen Bahnen, werd ich kaum
In Zeit und Raum jemals ein Ziel erlange.

Denn soll ich unter trügerischen Schemen
Mein Vorbild suchen, auf Erfüllung hoffen
In der beschränkten Welt Vergänglichkeit?

Es sprengt der Seele mächtig Freiheitssehnen
Der Erde Fesseln, und das Tor steht offen,
Durch das sie einzieht in die Ewigkeit.

III

Des Herzens Sehnsucht leiht der Seele Schwingen:
Sie steigt empor aus dumpfen Felsengrüften,
Entfliehend Todeshauch und Moderdüften,
Die mit Erstickung drohend sie umfingen.

Zum Lichte taumelnd mit den Schmetterlingen,
So schwebt sie sonder Fährnis über Klüften
Hinan zu hellen Höhn in freien Lüften,
Ins ferne Land der Freiheit einzudringen.

Sie wagt den Sprung, das Himmelstor zu rammen,
Und läßt den Boden unter sich entsinken,
Nach ew’gem Leben dürstend und nach Glück.

Doch weh! Des allzukühnen Herzens Flammen -
Verlöschend sie ins Meer des Nichts ertrinken.
Die Seele aber stürzt zur Erd zurück.