Karl-Heinz Kranz an Bruder Gisbert, 6. September 1944
Paderborn, den 6.9.44
Lieber Gisbert!
Der Krieg ist bedrohlich in Deine Nähe gerückt. Ich glaube, daß Du wohl in sehr kurzer Zeit zum Einsatz kommst, wenn Du nicht schon im Schlammassel drinsteckst. Nun, wir müssen überall unseren Mann stehen, so schade es auch ist, daß Du mitten aus Deiner Arbeit herausgerissen wirst. Wir wollen auf Gott
vertrauen, der uns auch durch die letzte und schwerste Zeit des Krieges, die nun angebrochen ist, hindurchführen wird. Wir wollen um Kraft beten für unser Volk und füreinander, damit wir den kommenden Herrn aushalten.
Ich habe jetzt Gelegenheit, mich in der – ich möchte sagen – soldatischen Tugend des Wartens zu üben. Wir Fahnenjunker sitzen hier herum
und schlagen die Zeit tot, denn es ist noch nicht klar, was mit uns geschieht. Bei der Zuspitzung der Lage glaube ich kaum noch daran, daß wir zur Kriegsschule kommen. Eher ist es möglich, daß wir zum West fahren, wie unsere beiden U.-Lehrgänge vor ein paar Tagen, bei denen wir Ausbilder waren. Augenblicklich schieben wir eine sehr ruhige Kugel, vielleicht die Stille vor dem Sturm.
Ich wünsche Dir viel Soldatenglück.
Heil und Handschlag!
Karl